Schmelztiegel der Gemeinde

Bei der Organisation des Pfarrfestes gibt es viel zu beachten, wie das Beispiel St. Remigius zeigt

Pfarrfest Nachricht (c) Dorothée Schenk
Di 22. Mai 2018
Dorothée Schenk
Hier sitzt das Lachen mit am Tisch. Eine gutgelaunte Runde aus neun Mitgliedern der GDG St. Remigius Viersen trifft sich in Sichtweite des Pfarrkirchturms im Hause Büschkes, um das Pfarrfest vorzubereiten.
Pfarrfest 2 (c) Dietmar Busch

 Im September 2017 haben sie sich zum ersten Mal getroffen. Noch gut vier Wochen liegen vor ihnen. Endspurt. Zwischen halbvollen Gläsern und mit Leckereien gefüllten Tellern fliegen Sätze hin und her. „Da steht Walter in Rot … Ich weiß nicht warum?“, guckt Walter Breuer auf das Blatt und sieht Thorsten Büschkes an. Neben dessen Teller liegt eine mit vielen Spalten bedruckte, drei Seiten lange Excel-Tabelle und vier aneinander getackerte Seiten mit der To-do-Liste. Noch so einiges ist hier rot markiert. „Rot ist immer schlecht. Dann muss noch was gemacht werden“, erläutert Büschkes‘ Ehefrau Christina.

Rot markiert ist etwa „Christel“, die für die legendäre Reibekuchenbude steht. Susanne Mengen meldet sich zu Wort und erzählt, dass sie „Christel“ zufällig traf: „Ich habe sie gefragt: Hat dich schon jemand angesprochen, dass du Thorsten anrufen sollst?“ Mittlerweile haben Christel und Thorsten sich im Theater getroffen und auf kleinem Dienstweg offene Fragen geklärt. Wer der Tischrunde zuhört, hat das Gefühl, halb Viersen ist in das Pfarrfest eingebunden: Dachdecker sponsern Propangasflaschen, Gerüstebauer sorgen dafür, dass das Kistenklettern steigen kann, ein Schausteller für den Bühnenwagen, die Jugendkirche für die Technik, ein Elektriker im Team dafür, dass der Strom, und ein Sanitärinstallateur dafür, dass das Wasser fließt.

 

Wenn (fast) ganz Viersen auf den Beinen ist

Am ersten Juli-Wochenende stellt sich auf dem Remigiusplatz und vor der Kirche die Vielfalt der sieben Gemeinden vor: Vom Kindergarten, den Pfadfindern an vier bis fünf Ständen über eine Wallfahrtsbruderschaft, das Kinderheim Don Bosco, Donum Vitae, Schützen und Caritas, eine Schlesiergruppe aus St. Marien, Büchereien, die Messdiener und Sternsinger, die Firmlinge bis zur Feuerwehr. „Die macht auch Jugendarbeit und hat sicher auch ein christliches Ansinnen, haben wir gedacht. Warum sollen sie nicht dazu kommen?“, erklärt Büschkes. Inzwischen ist die Feuerwehr „Logistikpartner“ und sorgt gemeinsam mit den Pfadfindern dafür, dass die in diesem Jahr „bestellten“ 66 Stühle, 31 Tische, 42 Bierzelttische, 80 Bierzeltbänke, rund 15 Pavillons und 5 Buden aus dem Fundus in den einzelnen Gemeinden zusammengetragen werden und am 7. Juli um 10 Uhr an die richtigen Orte und Stellen kommen. Wie es zu den Zahlen kommt? Per Fragebogen werden sie bei den einzelnen Gruppierungen abgefragt. „Das ist schon ein mittlerer Umzug“, witzelt Thorsten Büschkes, der die Listenführung übernimmt und nicht ohne Grund am Kopf des Tisches sitzt. Beteiligt sind am Festtag rund 140 Aktive von den sechsjährigen Wölflingen bis zu der über 80-jährigen Reibekuchen-Seniorin Gertrud. 2011 nach der großen Fusion der sieben Gemeinden entstand die Idee zum gemeinsamen Pfarrfest. Der Leitgedanke: „Wie bekommen wir die nicht ganz spannungsfreie Situation entzerrt?“ Die Antwort: „Feiern ist immer ein Weg, um ins Gespräch zu kommen.“ Mit dem GdG-Rat fiel die Entscheidung: „Wir wagen das einfach mal!“ Ein Wagnis, das geglückt ist, wie man nicht nur an dem vollen Plan sehen kann. Barbara von der Heyde, Stefan Peters, Susanne Mengen, Dietmar Busch, Horst Maskos, Walter Breuer und Monika Moers bilden mit Thorsten und Christina Büschkes das „bunte Bild“ der Gemeinden ab. Aus welchen Gemeinden das „Pfarrfestkomitee“ sich zusammensetzt, ist unbedeutend, sagt das Team. „Es spielt keine Rolle mehr, woher wir kommen – der Kreis ist schon das neue, große Remigius“, so Susanne Mengen.

Dennoch wird die Individualität der Gemeinden geachtet, die ebenfalls unter dem eigenen Kirchturm feiern möchten. Nur jedes zweite Jahr gibt es darum ein gemeinsames Pfarrfest. Obwohl das auch dem Arbeitsaufwand geschuldet ist. „Mit der Größe ändert sich natürlich auch die Logistik“, räumt Thorsten Büschkes ein. Es fing damit an, dass das GdG-Pfarrfest den Kirchenvorplatz sprengte, und der Remigiusplatz, der städtischer Grund ist, mit einbezogen werden musste. „Man lernt viele Fragebögen kennen“, grinst Büschkes. Es geht um Sondernutzung, um die Frage, wie viele Urinale vorzuhalten sind, Lärmschutz wegen des Bühnenprogramms inklusive Ausnahmegenehmigung, Inhaltsstoffe wegen der Allergene, die Lebensmittelgesetzgebung ist zu berücksichtigen und die Hygieneverordnung. „Wir müssen dafür sorgen, dass an jedem Stand Wasser für die Handreinigung vorhanden ist und auch Desinfektionsmittel.“ Für die Stände, an denen Nahrungsmittel angeboten werden, wurden eigens ein „Spuckschutz“ angefertigt. Hier sind Perfektionisten am Werk. Walter Breuer weiß, dass das nicht Standard ist. Auslöser für den Spuckschutz etwa war der Besuch des Ordnungsamtes: „Wir versuchen im Vorfeld, ehe es Ärger gibt, Dinge schon auszuräumen. Das hat eigentlich immer geklappt.“

 

Neue Mitstreiter sind willkommen

An Ideen mangelt es der eingeschworenen Gemeinschaft nicht. Nach der Premiere kam die Aktionsbühne dazu. Vor zwei Jahren wurde das erste Ehrenamtler-Fest mit über 350 von 1000 geladenen Gästen am Vorabend des Pfarrfestes gefeiert. „Das war eine logistische Herausforderung“, sagt Walter Breuer, und schon wird über eine Neuauflage in zwei Jahren gesprochen, denn: „Es ist für alle Ehrenamtler ein großes Zeichen an Wertschätzung“, weiß Thorsten Büschkes aus den Rückmeldungen der Teilnehmer. Das ist vielleicht die allumfassende und große Klammer dieses Festreigens: Gemeinschaft leben. Denn ob die Planungsphasen in den wechselnden Wohnküchen, weil hier in lockerer Runde die besten Ideen kommen, oder die traditionellen Ausklänge mit Abendessen nach den Aufbauphasen, das Frühstück, wenn alles aufgebaut ist, oder das letzte Bier nach dem Pfarrfest „am Sonntagabend, total abgebrasselt und verschwitzt und nicht mehr ganz so gut riechend“ – das schweißt die Gruppe zusammen. „Es ist dieses Geben und Nehmen und zu sehen: Was bietet Kirche eigentlich alles? Ich muss nicht unbedingt in den Glaubenskreis gehen, ich kann auch handfest so meinen Glauben leben. Das tun wir alle hier ja auch.“ Übrigens: Wer Lust bekommen hat: Der Planungskreis ist offen für neue Mitstreiter.