Eine Sorge für das Leben

Die Ökumenische Telefonseelsorge Krefeld-Mönchengladbach-Rheydt-Viersen besteht seit 50 Jahren

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Di 17. Sep 2019
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 38/2019 | Dorothée Schenk

Ihr 50-jähriges Bestehen feierte die Ökumenische Telefonseelsorge Krefeld-Mönchengladbach-Rheydt-Viersen zurückblickend in einem Festgottesdienst in der Friedenskirche mit Dompropst Rolf-Peter Cremer und dem Präses der evangelischen Kirche, Manfred Rekowski. Viele Facetten birgt dieses Angebot der Kirchen, das sich lohnt, es einmal „durchzubuchstabieren“.

Der ökumenische Festakt wurde in der Friedenskirche begangen. (c) Dorothée Schenk

T wie Team.

Neben den vier hauptamtlichen Mitarbeitenden sind etwa 70 Frauen und Männer ehrenamtlich aktiv in der ökumenischen Telefonseelsorge. Anfangs waren ausschließlich Hauptamtliche in der Telefonseelsorge Krefeld beschäftigt: Theologen, Sozialarbeiter und Diplom-Pädagogen. Damit stellte Krefeld bundesweit eine der wenigen Ausnahmen dar. Erst 2004 kommen Ehrenamtliche hinzu. Heute wird die Arbeit am Telefon und in der Mailseelsorge fast ausschließlich von Ehrenamtlichen geleistet. In seiner Festpredigt dankte Präses Manfred Rekowski den Hauptamtlichen ausdrücklich für die Unterstützung der ehrenamtlichen Strukturen.

 

E wie Empathie.

Sich einlassen auf das Gegenüber und Mitfühlen ist unerlässlich für die Telefonseelsorge. Empathie muss man als Voraussetzung mitbringen. „Man kann sie ausbauen, aber der Mensch muss fähig sein, den anderen wahrzunehmen“, sagt die Leiterin der Telefonseelsorge Andrea Arndt. Das gehört zu den Voraussetzungen zu diesem Ehrenamt.

 

L wie leise.

Zuweilen haben es die Ehrenamtlichen auch mit aufgeregten Anrufern zu tun. Gerade dann ist es wichtig, dass sie Ruhe und Beruhigung ins Gespräch bringen, sagt Andrea Arndt. Hier gehe es nicht um Stille, sondern darum, leise Töne zu hören.

 

E wie Erweiterung.

Die Telefonseelsorge hat sich in der Vergangenheit immer den Veränderungen der Zeit angepasst und das Angebot erweitert. Zu den Telefonaten ist die Mailseelsorge hinzugekommen. Zur Zeit wird eine App entwickelt für von Suizidalität betroffene Menschen: Angehörige, Hinterbliebene, Menschen mit Suizidgedanken und solche, die helfen wollen, können sie nutzen. Einen ersten Eindruck können sich Interessierte unter https:// krisen-kompass.app verschaffen. Für die Finanzierung ist während des Festgottesdienstes gesammelt worden. Die App ist bereits freigeschaltet.

 

F wie Freude,

die über 50 Jahre Telefonseelsorge am Niederrhein herrscht. Am 1. Juni 1969 gründete sie Pater Franz Nüßlein in den Räumen des Kapuzinerklosters an der Hülser Straße in Krefeld in katholischer Trägerschaft. Ökumenisch wurde das „Unternehmen Telefonseelsorge“ am 1. Januar 1973. Seit Mitte 1997 ist die ökumenische Telefonseelsorge bundesweit über eine kostenlose Einheitsnummer erreichbar. Bis dahin musste eine Nummer mit Krefelder Vorwahl gewählt werden.

 

O wie Offenheit

müssen alle ehrenamtlichen Telefonseelsorger für ihre Gespräche mitbringen. Offen steht das Angebot allen Menschen, ganz gleich welchen Geschlechts, welcher Nationalität oder Religionszugehörigkeit.

 

N wie Nummer.

Rund um die Uhr ist die Telefonseelsorge unter den Rufnummern 08 00/1 11 01 11 und 08 00/1 11 02 22 kostenfrei zu erreichen.

 

S wie Sorge.

In der Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Philipper 4,6a hieß es: „Sorgt euch um nichts.“ Das, so sagte Präses Manfred Rekowski in seiner Festpredigt, sei sicher kein Gesprächsbeginn, der in der Telefonseelsorge zu finden sei. Unsicherheit und Sorge beschäftigten die Menschen. Aber wenn man seine Sorgen teile, könnten aus Worten Wege aus der Not werden. „Die Sorge für die Seele ist immer auch Sorge für das Leben“, sagte der Präses und unterstrich: „Seelsorge passiert fast immer im Verborgenen.“ Erst wenn sie nicht erfolge, merkte man es überall.

 

E wie Ehrenamt.

Die Telefonseelsorge startet einen neuen Ausbildungskurs. Dazu findet am 24. September um 18 Uhr ein Informationsabend bei der Telefonseelsorge am Dionysiusplatz 22 statt. Wer verhindert ist, kann sich online bewerben. Auf der Seite www.telefonseelsorgekrefeld.de findet sich unter „Mitarbeit“ ein Fragebogen, der bis 1. Oktober ausgefüllt zurückgesandt werden kann. Die Telefonseelsorge nimmt dann Kontakt auf.

 

E wie Erfahrung.

Zur ehrenamtlichen Tätigkeit gehören Supervisionen zwingend dazu, um persönliche Gesprächserfahrungen zu verarbeiten. „Psychohygiene ist ganz wichtig“, sagt Andrea Arndt.

 

L wie Leitung.

Erst seit gut zwei Monaten hat Andrea Arndt nach dem plötzlichen Tod von Dieter Mokros Anfang des Jahres ihre Position als Leiterin der ökumenischen Telefonseelsorge in Krefeld angetreten. Breit aufgestellt ist Andrea Arndt, die nach einer ersten Ausbildung zur Erzieherin viele Jahre größtenteils in kirchlichen Kindertagesstätten, auch in Leitungsfunktionen, gearbeitet hat. Im Alter von Ende 30 bildete Andrea Arndt sich weiter in Systemischer Therapie, studierte an der Fachhochschule Fulda extern Sozialpädagogik und schloss mit dem Diplom ab. Weiterbildungen absolvierte sie zur Systemischen Familien- und Paartherapeutin und Supervisorin – immer parallel zur Berufstätigkeit.

 

S wie Schweigen.

„Schweigen ist das, was am schwersten auszuhalten ist“, sagte Präses Rekowski. Gemeint sind die unerwarteten Gesprächspausen in der Telefonseelsorge. Schweigen ist aber auch das, woran die Ehrenamtlichen gebunden sind. Jeder Anrufer weiß, dass das Gespräch anonym ist und zwischen Hörer und Hörer bleibt.

 

O wie Orientierung.

Ehe die Ehrenamtlichen Menschen am Telefon Orientierung bieten können, ist es notwendig, dass sie sich selbst in einem 150-stündigen Qualifizierungskurs über die Arbeit mit all ihren Facetten orientieren. Die Fortbildung findet in einer Gruppe von 12 bis 13 Teilnehmern statt. Dazu gehört unter anderem Biografiearbeit als Einführung am Beginn des Kurses, Hospitation, Kommunikationstheorien, Gesprächsführung, ein Praktikum – eine Überprüfungsphase nach dem ersten Halbjahr, um zu überlegen, ob man weitermachen möchte. Der zweite Block beschäftigt sich mit psychischen Erkrankungen, Einführung in die Technik, Spiritualität und Trauer, Suizidalität und die eigene Haltung als Berater.

 

R wie Regeln.

Sie gelten natürlich auch in der Gesprächsführung. Es darf von keiner Seite eine persönliche Verabredung getroffen werden. Das ist das Gebot der Anonymität. Jeder Ehrenamtliche legt außerdem für sich eine Grenze fest, wann er das Gespräch – freundlich, aber bestimmt – beenden möchte.

 

G wie Glaube.

Jeder Ehrenamtliche muss in Krefeld den allgemein anerkannten christlichen Kirchen angehören. „Es gibt auch Anrufer, die ein gemeinsames Gebet sprechen möchten“, erzählt Andrea Arndt. Anrufer dagegen sind nicht gebunden an einen bestimmten Glauben oder eine Überzeugung.

 

E wie Engel.

„Ohne Zensur und ohne Filter“ könnten sich Anrufer der Telefonseelsorge anvertrauen, sie ist Wegbegleiterin, und, wie Präses Manfred Rekowski betonte: „24 Stunden am Tag heißt es bei der Telefonseelsorge: ,Wir sind für dich da.‘“