Die Chancen-Schenkerin

Schwester Helene Ramacher feiert im Bethanien-Kinderdorf ihren 90. Geburtstag

Schwester Helene feiert in diesem Jahr ihren 90. Geburtstag. (c) Ann-Katrin Roscheck
Schwester Helene feiert in diesem Jahr ihren 90. Geburtstag.
Mi 10. Jul 2019
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 28/2019 | Ann-Katrin Roscheck

Eine Chance hat unzählige Gesichter. Sie kann die Hand sein, die in Zeiten der Not nach deiner greift. Sie kann das Vergessen sein, das dich nicht für das Geschehene verurteilt. Und sie kann die Erinnerung darstellen, die das zurückholt, was du kannst und woran du glaubst.

Schwester Helene Ramacher ist unglaublich gut darin, alle Gesichter der Chance mit ihren eigenen, feinen Gesichtszügen darzustellen. Kein Wunder, denn seit fast 70 Jahren lebt die Schwester die Philosophie der Dominikanerinnen von Bethanien mit jeder Zelle ihres Körpers. In diesem Jahr feiert sie ihren 90. Geburtstag und ist damit die älteste Bewohnerin des Schwesternhauses auf dem weitläufigen Ordensgelände in SchwalmtalWaldniel. 90 Jahre auf der Lebensuhr mit 67 Jahren Ordenszugehörigkeit beansprucht Schwester Helene für sich. Die Jahre, die sie anderen Menschen geschenkt hat, passen nicht auf diese Messlatte. Denn sie sind fast nicht mehr zählbar.

Es ist keine Spontanentscheidung, als die junge Frau aus Düren im Januar 1952 zum ersten Mal die Dominikanerinnen von Bethanien besucht. „Das, was Pater Lataste mit der Ordensgründung vermittelte, hatte mich gepackt“, erinnert sich die Dominikanerin mit wachem Blick. „Frauen anzunehmen, die eine Vergangenheit haben, ihnen in der Not zu helfen – ich wusste, dass das mein Weg sein wird.“ Als Gefängnisseelsorger arbeitet der Dominikanerpater Johannes Josef Lataste Mitte des 19. Jahrhunderts im Zuchthaus in Cadillac. Immer wieder trifft er Frauen, die über sein Wirken im Gefängnis zu Gott finden. Nach der Haftentlassung fehlen ihnen jegliche Perspektiven. Lataste übernimmt die Hilfe zur Rehabilitation und führt die frommen Büßerinnen in ein neues Leben: Das Leben als Dominikanerin von Bethanien.

 

Bald ist das Schweigen vorbei

Als Schwester Helene 1952 auf das Gelände nach Schwalmtal zieht, um ihr Postulat zu beginnen, hat sich der Konvent kurz hinter der holländischen Grenze gerade neu gegründet: Die Schwestern kaufen das beeindruckende Parkgelände an der Ungerather Straße mit dem Ziel, hier das erste Bethanien-Kinderdorf in Deutschland zu gründen. „Täglich arbeiteten wir im Haupthaus, um das Schwesternhaus herzurichten. Wir bohnerten, bis die Hände wund waren, schrubbten, was das Zeug hielt, und richteten uns ein“, erinnert sie sich.

All das geschieht in Schweigen: Denn wie fast alle Ordensgemeinschaften zur damaligen Zeit gehören auch die Dominikanerinnen von Bethanien den kontemplativen Klöstern an. Dabei herrscht auf dem Gelände viel Leben: Zu Hochzeiten erinnert sich Schwester Helene an 45 Novizinnen in Schwalmtal. „Ich hatte ja von Grund auf eine große Klappe, da musste ich mich schon zusammenreißen bei so vielen wilden Hühnern“, sagt die 89-Jährige lachend. Aber als die Kinder einziehen, ist es mit dem Schweigen vorbei. Die Dominikanerin hilft mit, als die Kinderdorfhäuser vorbereitet werden: Sie zieht die Abdeckungen von den Betten ab, hängt Bilder auf und geht auf Spendensuche nach Geschirr und Kleidung. Nach einiger Zeit übernimmt sie ihre eigene Kinderdorffamilie. „Für meine eigene Mutter waren Kinder immer das Wichtigste“, sagt Schwester Helene und wischt sich mit dem Handrücken über die Augen. „Für mich war das auch so. Ich wollte, dass es diesen Kindern gut geht. Dass sie eine neue Chance bekommen.“

 

Musik als Heilquelle

Im Kinderdorf leben keine Waisen: Die Eltern der Kinder sind aus unterschiedlichen Gründen nicht in der Lage, sich um sie zu kümmern. Oft haben sie selbst so große Sorgen, dass sie ihre Kinder dahinter vergessen. „Mit den Kindern macht das viel. Sie fühlen sich zurückgelassen, haben das Gefühl, nichts wert zu sein. Aber jeder hat einen großen Wert, egal, was er getan hat oder wo er lebt“, betont die Dominikanerin energisch. „Das wollte ich den Kindern vermitteln.“ Dafür nutzt sie zum Beispiel die Musik. „Denn Musik macht frei“, ist sich die Kinderdorfmutter sicher.

An der Gitarre, an der Flöte oder einfach nur voller Freude mit den eigenen Händen oder Füßen: Das Haus wird ständig beflügelt von Melodien und Takten. 1972 entschließt sich die inzwischen examinierte Erzieherin, ihr Wissen zu vertiefen, um die Kinder und Jugendliche in ihrem Sein noch besser auffangen zu können. Sie schließt ein Studium als Heilpädagogin in Würzburg ab und richtet unterschiedliche Therapieräume im Kinderdorf ein.

Dazu gehört neben einem Raum für non-direktives Spielen auch ein Musikraum. Damit stellt sie die Weichen für den heutigen „Pädagogischen Fachdienst“ der Kinderdörfer, der für sein Konzept in der Jugendhilfe bekannt ist. Viele Jahre praktiziert sie hier, bevor sie sich 1988 dem Urauftrag Pater Latastes hingibt. An die Gemeinde in Aldenhoven angeschlossen, betreut sie eine Wohngruppe für Frauen in Not. Dazu gehören Obdachlose, Suchtkranke oder ehemalige Strafgefangene. Sie hilft ihnen, Arbeitsplätze zu finden, mit der Selbstständigkeit zurecht zu kommen und sich in einem normalen Alltag wohlzufühlen. „Ich wollte nicht wissen, was die Frauen getan hatten, das war mir egal“, sagt sie. „Das wollte ich schon nie im Kinderdorf wissen. Das Wichtigste war, dass sie hier waren.“

 

Richtungswechsel im Leben

Einmal klopfen Kinder aus dem Ort an Schwester Helenes Tür und sagen, dass da eine Schwangere ohne ein Dach über dem Kopf auf der Straße sei. Sogar für die Jüngsten im Dorf ist die Dominikanerin erste Ansprechpartnerin in Not. Wenige Tage später zieht die junge Frau in die Wohngemeinschaft ein und bekommt ihr Kind – eine Tochter. Schwester Helene zieht dieses Kind mit groß. „Noch heute habe ich zu dem Mädchen, das jetzt 22 Jahre alt ist, Kontakt. Mal mehr oder mal weniger“, sagt die 89-jährige. „So wie sie es eben gerade braucht.“ Sie ist nur eine der Menschen, die Schwester Helene zu ihrem Geburtstag gratulieren. Denn an ihrem Jahrestag feiert der Orden nicht nur ein besonderes Leben in der Hingabe des bethanischen Geistes, sondern er feiert unzählige Leben, die durch das Wirken der starken Frau die Richtung wechselten.

Leben im Bethanien Kinderdorf

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