„Beeilt euch, Gutes zu tun“

Seligsprechungsprozess für Friedrich Joseph Haass wurde auf diözesaner Ebene abgeschlossen

Friedrich Joseph Haass (1780–1853) mit dem Orden des heiligen Wladimir IV. Klasse. (c) Cico/wikipedia.de
Di 5. Jun 2018
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 23/2018

Für den im Jahre 1780 in Bad Münstereifel, damals zum Herzogtum Jülich gehörig, geborenen Dr. med. Friedrich Joseph Haass ist am Sonntag, 6. Mai, der Informativprozess auf diözesaner Ebene mit dem Ziel einer Seligsprechung in Moskau feierlich abgeschlossen worden. Sein Nachfahre Karl Haaß aus Viersen gibt einen Überblick. 

Grab von Friedrich Joseph Haass auf dem Wwedenskij-Friedhof in Moskau. Dieses Bild zeigt ein Kulturdenkmal in Russland. (c) Matthias Borcholt/wikipedia.de

Während eines Pontifikalamtes in der Moskauer römisch-katholischen Kathedrale, das der dortige Erzbischof Paolo Pezzi zusammen mit dem Apostolischen Nuntius Celestino Migliore und mehreren Priestern zelebrierte, wurden gemäß den kirchenrechtlichen Vorschriften die über Jahre gesammelten Dokumente mit den entsprechenden Gutachten versiegelt und zur Weiterleitung an die römische Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsverfahren überwiesen. Bereits im Jahre 1976 hatte der damalige Bad Münstereifeler Stadtarchivar und Lehrer Joseph Matthias Ohlert ein Seligsprechungsverfahren zusammen mit dem dortigen Pfarrgemeinderat angeregt. Der Kölner Erzbischof Kardinal Joseph Höffner hatte einige Initiativen zur Aufnahme eines solchen Verfahrens in Rom gestartet, bis dann am 31. März 1998 Kurienerzbischof Eduardus Nowak das Einverständnis zur Eröffnung eines Seligsprechungsprozesses für Friedrich Joseph Haass erklärt hat. Als Erzbischöflichen Bevollmächtigten bestellte Kardinal Joachim Meisner den damaligen Kölner Weihbischof Friedhelm Hofmann und als Postulator den Kölner Prälaten Professor Helmut Moll, den Leiter des Martyrologiums der Deutschen Bischofskonferenz und Experten der Hagiographie. Im Oktober 1999 begann dann mit der „Sessio prima“ die praktische Arbeit im Seligsprechungsverfahren auf diözesaner Ebene. Bis zum Aufbau einer funktionstüchtigen Infrastruktur der erst 1991 errichteten Apostolischen Administratur in Moskau übernahm zunächst das Erzbistum Köln als Heimatdiözese von Friedrich Joseph Haass die Aufgaben des Verfahrens. Nach Erhebung zum Erzbistum im Jahre 2002 und der Ernennung von Paolo Pezzi zum Metropoliten des Erzbistums der Muttergottes von Moskau 2007 übernahm er dann im Jahre 2011 den Seligsprechungsprozess auf diözesaner Ebene. Dass der Informativprozess jetzt bereits abgeschlossen werden konnte, ist auch ein Verdienst des römischen Theologieprofessors Germano Marani SJ, der in den letzten Jahren als Postulator wochenlang persönlich in den entsprechenden russischen Archiven zur Vita Haass‘ geforscht hat. Mit seiner Biografie über den „heiligen Doktor“ von 2006 „Il santo medico di Mosca. Friedrich Joseph Haass. Vita e scritti“ mit Vorworten unter anderem von Kardinal Walter Kasper und dem russisch-orthodoxen Metropoliten Serghij Fomin hatte er die Haass-Forschungen wesentlich bereichert. Pater Marani war auch der Initiator des international besetzten Symposiums zu Friedrich Joseph Haass beim Europarat in Straßburg am 30. September 2008.

 

Von 1806 bis 1853 war Haass als Arzt in Moskau tätig

Am 10. August 1780 in Bad Münstereifel geboren – in der napoleonischen Zeit gehörte Münstereifel zum Bistum Aachen sowie ab 1930 der westliche und der südwestliche Teil der heutigen Stadt – war Haass nach seinem Philosophie- und Medizinstudium von 1806 bis zu seinem Tode im Jahre 1853 in Moskau als Arzt in verschiedenen Funktionen tätig. Ausnahmen bildeten lediglich die Forschungsreisen zu den Heilquellen in den Kaukasus und die Teilnahme am Feldzug gegen Napoleon nach Paris. Gemäß seinem Wahlspruch „Beeilt euch, Gutes zu tun“ hat sich der in die Literatur und Geschichte bereits als „heiliger Doktor von Moskau“ eingegangene Arzt und Humanist der Tat in aufopfernder Weise vor allem um die von der Gesellschaft Gemiedenen gesorgt, seien es Strafgefangene, nach Sibirien Verbannte, Bettler, Arme oder auch Nichtsesshafte gewesen. Wenn Patienten von Moskauer Ärzten nicht mehr behandelt wurden oder in Krankenhäusern nicht aufgenommen wurden, waren sie bei Fjodor Petrowitsch, wie Haass in Russland genannt wurde, willkommen, und notfalls nahm er sie noch in seine Dienstwohnung auf. In jedem Menschen sah er ein Abbild Gottes aufleuchten und sich mit jedem Menschen in Gott verbunden. Der zunächst sehr wohlhabende Arzt investierte nahezu sein gesamtes Vermögen in Projekte, die unmittelbar den Armen, Kranken und von der Gesellschaft Verurteilten zugute kamen. Als er am 16./28. August 1853 in Moskau starb, hinterließ er neben ein paar Münzen und wenigen Habseligkeiten nur eine Bibel und ein Fernrohr, womit er abends staunend den Sternenhimmel betrachtete und neue Kraft schöpfte für seinen unermüdlichen Einsatz zugunsten der Häftlinge, Armen und Kranken.

 

Idol zur Zarenzeit, in der Ära der Sowjetunion und bis heute

Auf seine Zeitgenossen muss die Güte faszinierend gewirkt haben, die Fjodor Petrowitsch im Alltag ausstrahlte. Von einigen seiner russischen Biografen wurde er als „Engel Gottes“, als „Mensch Gottes – Gottes-Mensch“ bezeichnet und im russischen Volk als der heilige Doktor von Moskau angesehen, zur Zarenzeit ebenso wie in der Ära der Sowjetunion und auch heute noch. Dass man in Russland die Erinnerung an Doktor Haass besser wach halte als in Deutschland, betonte Staatspräsident a. D. Michail Gorbatschow bei der Verleihung des Dr.-Friedrich-Joseph-Haass-Preises des Deutsch-Russischen Forums für die deutsch-russische Verständigung 2007 in Berlin: „Er war ein Mensch, dessen Herz überfloss vor Mitgefühl und Menschenliebe. Deshalb ist sein Andenken in unserer Geschichte und im Gedächtnis der russischen Menschen so wach geblieben, auch wenn sein Leben schon lange zurückliegt.“

Noch heute wird sein Grab auf dem Moskauer Wwedenskij-Friedhof von Unbekannten aus Dankbarkeit mit Blumen geschmückt, hatten doch auch die russischen Dichter und Denker Dostojewski, Gorki, Herzen, Kopelew, Solschenizyn und Tschechow sein Lebenswerk gewürdigt. Zum 200. Geburtstag im Jahre 1980 erschien von der Deutschen Bundespost eine Gedenkbriefmarke an Friedrich Joseph Haass, in Russland eine vor mehreren Jahren. Sichtbare Zeichen des Gedenkens an ihn gibt es in Deutschland in Bad Münstereifel mehrfach, in seiner Studienstadt Göttingen an seinem Wohnhaus, in Kevelaer an der Marienbasilika und in Köln am Hauptgebäude des Generalvikariats. Die Deutsche Schule bei der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Moskau trägt seit dem 27. Mai 1989 den Namen von Friedrich Joseph Haass. Unter dem Titel „Eilet, Gutes zu tun. Doktor Haass und seine Zeit“ zeigte die Berliner Zentral- und Landesbibliothek im Oktober 2004 die deutschsprachige Version einer Moskauer Haass-Ausstellung vom Dezember 2003 der Staatlichen Bibliothek für Ausländische Literatur Rudomino. Diese Präsentation, die als Wanderausstellung später auch in Bad Münstereifel zu sehen war, vermittelte bislang Unbekanntes aus russischen Archiven und Bibliotheken zum heiligen Doktor von Moskau.