Ankommen mit Franziskus

Josef Herkenrath war auf Pilgerschaft im Geiste des Heiligen, Reformers und „Krippenerfinders“

Durch Gubbio führte der Pilgerweg von Ehepaar Herkenrath, wo eine Bronzestatue an Franziskus erinnert. (c) privat
Di 12. Nov 2019
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 46/2019

Josef Herkenrath aus Nettetal ist einer, der sich auf den Weg macht – mit einer Mission. Nach Beginn seines Vorruhestands war 2018 zuerst das Nordkap das Ziel per Fahrrad. In diesem Jahr machte er sich mit seiner Frau zu Fuß auf den Weg zu Franz von Assisi – von Chiusi La Verna bis Poggio Bustone. Eine ganz besondere Beziehung ist entstanden. 

Warum ist Franz von Assisi idealer Begleiter auf dem Weg zum Weihnachtsfest?

Der Brauch, zum Weihnachtsfest eine Krippe aufzustellen, um auf diese Weise an die Geburt Jesu zu erinnern, geht auf Franziskus zurück. Ihm gemäß sind auch Ochs und Esel in der Krippe anwesend und der Heiligen Familie ganz nahe. Die Geburt Jesu, die Franziskus mit den Menschen in Greccio nachspielte, ist ein wunderbares Bild für die Gleichrangigkeit der Schöpfung von Mensch und Tier, von Menschen verschiedener Völker – man denke an die Heiligen Drei Könige – und sozialen Schichten. Ein beeindruckendes Bild der Hoffnung, in dem der Kleinste und Bedürftigste in der Krippe der Größte und Verehrenswerteste ist, von dem das Versprechen der Erlösung ausgeht! Welche Symbolik und wieviel Weisheit stecken in diesem Bild der Weihnachtskrippe!

 

Welche Erfahrungen der Pilgerschaft tragen Sie im Alltag?

Eine Erfahrung des Pilgerns ist es, dass wir nur wenig brauchen, dass viel Hab und Gut im Rucksack Ballast ist. Wir brauchen nicht wirklich viel zum Leben. Die Begegnungen mit den Bewohnern am Rande der Strecke und in den Herbergen sind spontan und ehrlich. An die Stelle von Vorurteilen und Annahmen treten Erfahrungen; das Fremde wird vertrauter. Hinauszutreten aus der Komfortzone unserer genussorientierten Überflussgesellschaft und aus der Sicherheit der Lebensplanung schenkt Vertrauen, Nähe und Gelassenheit. Was kann schon passieren? Und es wird zur Gewissheit, dass wir in der Not die Hilfsbereitschaft von Mitmenschen brauchen und bekommen. Die Freude im Herzen wächst durch die Verbundenheit mit der Natur und dem offenen Lächeln der Menschen unterwegs.

Für meine Frau und mich war das gemeinsame Pilgern auch ein Ausbrechen aus altbekannten Gewohnheiten, und es entstand in einer anderen Form Nähe, durch Helfen, Ermutigung, gelebtes Miteinander. Auf Schritt und Tritt begegnet man Anstrengungen, Überraschungen und den Freuden des Tages und ist in stillem Einvernehmen dankbar für das Miteinandergehen durch dick und dünn. Mitnehmen konnten wir den Gewinn der Einfachheit, die Erfahrung des Schönen im Ärgerlichen und in schweren Stunden glückliche Wendungen durch hilfsbereite Menschen.

 

Franz von Assisi hat seinen Moment der Verwandlung, gab es diesen für Sie auch?

Franziskus ist sehr radikal in seiner Haltung, in Armut und Güte zu leben. Es wäre vermessen, seine Maßstäbe an uns anzulegen. Da wir im Geist des Franziskus unterwegs waren und immer wieder auf seine Spuren trafen, haben wir uns mit seinen Haltungen zur Armut, der Barmherzigkeit und Bewahrung  der Schöpfung gedanklich beschäftigt. Als junger Mensch strebte er danach, durch Heldentaten den Stand eines Ritters und Adeligen zu erlangen. Sein Streben folgte wie das der heutigen Menschen den Gesetzen von Macht, Besitz und Anerkennung. Seine Verwandlung geschah innerlich und vertiefte sich durch die Pflege der Aussätzigen und Notleidenden. Fortan lebte Franziskus in Armut und bezog seine Kraft aus dem kontemplativen Gebet in der Abgeschiedenheit von Klöstern und in der Einsamkeit der Natur. 

Die eigene Erfahrung würde ich nicht als Verwandlung bezeichnen. Es entstand aber eine Ahnung davon, dass ein anderes Leben möglich, nötig und lohnend ist. Wir leben in einer Zeit des Wandels. Wir werden uns mit dem Lebensnotwendigen besser begnügen können, wenn wir einen Gewinn an Humanität, an christlicher Nächstenliebe erhoffen dürfen. Dieses Denken ist uralt und heute doch ganz neu. Wir sind bescheidener geworden und richten den Blick mehr auf das Innere und üben uns im Teilen. Wir sind aufgeweckter gegenüber der globalen Zerstörung der Natur und der Entfremdung des Menschen. Politische Debatten wirken nicht selten absurd und belanglos. Es ist irritierend, dass die Ausplünderung des Planeten fortschreitet und die Menschheit glaubt, dem Klimawandel entkommen zu können und durch Mauern die Folgen mitverschuldeter Notlagen draußen zu halten.

 

Hat die Spiritualität der Orte Sie inspiriert?

Natürlich war Assisi ein zentral beeindruckender Ort auf dem Pilgerweg, wo wir Herberge bekamen bei den Deutschen Schwestern von Santa Croce. Beeindruckend waren die Fröhlichkeit und Ruhe, die jene Schwestern ausstrahlten, die uns während der Mahlzeiten das Essen reichten. Beeindruckend ist die Basilika San Francesco, die aus Ober- und Unterkirche besteht. Während die Wände im Oberbau mit Fresken des Malers Giotto Szenen aus dem Leben des heiligen Franziskus zeigen, befindet sich in der Unterkirche die Grabstätte, ein Ort, an dem man ergriffen ist durch die Frömmigkeit der Menschen und die Atmosphäre, die den Raum erfüllt. Kennt man die Lebenswege des Franziskus, so beschleicht den Besucher beim Anblick der Basilika das ambivalente Gefühl, dass er von den Mächtigen der Kirche vereinnahmt wurde. Franziskus wollte in einer kleinen Kapelle im Tal seine Ruhestätte finden, denn dort ist der Ursprung seiner Armutsbewegung.

Über der Portiuncula wölbt sich die mächtige Basilika Santa Maria degli Angeli, die auf Anordnung des Papstes Honoris III. über dem Kirchlein errichtet wurde. Unwillkürlich wird der Pilger an den Traum des Papstes Innozenz erinnert, in dem er ein Mönchlein die Säulen der Kirche symbolisch stützen sieht. Durch die hohe Identifikation der Armutsbewegungen mit den Gedanken des Franziskus war die Kirche bestrebt, die Loyalität des Franziskus mit der Kirche zu nutzen, um zweifelnde Gläubige zurückzugewinnen. Angesichts des Freskos, das den die Kirche stützenden Franziskus zeigt, steigt unwillkürlich die Frage nach der Erneuerung der Kirche heute auf. Welche Inspiration braucht sie heute, um Glaubwürdigkeit gewinnen zu können?

 

Bringen Sie eine Botschaft mit?

Franziskus würde dem zweifelnden Menschen heute sagen, dass der Lohn seiner Botschaft der Frieden wäre und wir die Süße der Armut, des Gebens und Mitfühlens darin kennenlernten. Neben der Liebe zur Schöpfung enthält die Botschaft des Franziskus eine Vision und auch eine politische Utopie mit einem Versprechen auf die Zukunft. Die Haltungen der Bescheidenheit, die Bereitschaft zur Armut, zum Teilen und zum  Verzicht auf materiellen Reichtum sind grundlegend für den Weltfrieden und den Bestand der Schöpfung. Wir ahnen, dass Verzicht nur gelingen kann bei einem Gewinn an Gemeinschaft, Mitgefühl und humaner Solidarität. Franziskus ist ein Vorbild für uns, weil er aus seiner Tiefe lebte und seinen Lebenszielen auch im Scheitern treu blieb. Wenn auch die Welt als Ort des Friedens und der Nächstenliebe eine unerreichbare Utopie bleibt, so bleibt doch der Weg dorthin und jede damit verbundene Anstrengung lohnend. So ist es mit den Idealen des Mitgefühls, der Nächstenliebe, des Teilens, der Gerechtigkeit, einer Welt ohne Kriege und Hunger; sie werden nicht sinnlos, wenn sie unerreichbar bleiben. Der Weg ist das Ziel. Wissend, dass wir scheitern werden, gehen wir dennoch voran. In christlicher Sprache bleibt der Himmel auf Erden eine Utopie. Gehe dennoch los für das Ziel einer besseren Welt. Das ist die Botschaft.

 

Das Gespräch führte Dorothée Schenk

Josef Herkenrath pilgert nicht nur für sich: Unter dem Leitmotiv „Bildung schafft Perspektiven“ sammelt er Spenden für die Welthungerhilfe. Mehr unter https://bit.ly/2q4q4Ry