Die häusliche Pflege von alten Menschen übernehmen oft Frauen aus Osteuropa. (c) www.pixabay.com

Die dunkle Seite der Pflege

Die häusliche Pflege von alten Menschen übernehmen oft Frauen aus Osteuropa.
Datum:
Mi 7. Okt 2020
Von:
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 41/2020 | Garnet Manecke

Der Verein „Respekt“ holt osteuropäische Pflegehelferinnen aus ihrer Isolation und hilft bei Problemen

2015 hat die Steyler Missionsschwester Svitlana Matsiuk im Kreis Heinsberg begonnen, sich um polnische Wanderarbeiterinnen zu kümmern. Die Initiative der Ordensfrau besteht auch, nachdem sie die Region verlassen hat. 2017 haben die Frauen unter dem Dach der Katholischen Arbeiternehmer-Bewegung (KAB) und des Vereins Amos das Netzwerk „Respekt“ gegründet.

Wenn man es genau nimmt, hat sich in den vergangenen fünf Jahren nichts verändert. Nach wie vor arbeiten Frauen aus Osteuropa als Pflegekäfte in Privathaushalten. Sie kümmern sich um alte und pflegebdürftige Personen, vermittelt von Agenturen. Drei Monate bleiben sie in Deutschland, dann gehen sie wieder zurück in ihre Heimat zu ihren eigenen Familien. Nach ein paar Moanten kommen sie wieder nach Deutschland. Und wie zu der Zeit, als die Steyler Missionsschwester Svitlana Matsiuk erste Kontakte zu polnischen Pflegekräften aufbaute, führen heute die meisten der Frauen ein weitestgehend isoliertes Leben – ohne Freunde und ohne ihre Familie. Dass ihre Arbeitsbedingungen den geltenden Arbeitsgesetzen zuwiderlaufen, kommt noch dazu.

Milena und Maria kommen aus Serbien. Maria betreut ein Ehepaar, er ist 92, sie ist 88. Milena kümmert sich um einen 94-Jährigen. Die beiden Frauen haben Glück, denn ihre Schützlinge sind nicht bettlägerig, dement oder aggressiv. Sie übernehmen ihre Körperpflege selbst und können auch selbstständig essen. Milena und Maria sind da, um bei den alltäglichen Arbeiten zu helfen: kochen, einkaufen und generell aufpassen, dass nichts passiert.

Die Tage der beiden Frauen sind lang und ständig sind sie auf Abruf. Einmal in der Woche kommen sie in die Flachsklause, die frühere Kneipe des Erkelenzer Wohnviertels. Heute hat Amos hier seinen Ort der Begegnung eingerichtet. Wo früher Skat gespielt und an der Theke das Bier gezapft wurde, lernen die osteuropäischen Helferinnen heute Deutsch und bekommen grundlegende Pflegekenntnisse. Wenn sie Probleme haben, können sie sie hier offen ansprechen. Maria und Milena haben zweieinhalb Stunden Zeit, so lang ist ihre Mittagspause. Auch das ist schon viel. „Es gibt Frauen, die bekommen von ihren Familien keine Erlaubnis, zu uns zu kommen“, sagt Rosi Becker. Zusammen mit Sonja Hanrath betreut sie die Pflegekräfte. „Das ist nicht immer böse Absicht. Viele Familien haben Angst, in der Zeit könnte etwas passieren.“


Die häusliche Betreuung ist in dieser Form zwar geduldet, aber letztlich illegal


Die häusliche Betreuung durch osteuropäische Pflegekräfte ist in Deutschland in dieser Form zwar geduldet, letztlich aber illegal. Allein der gebräuchliche 24-Stunden-Einsatz widerspricht allen geltenden Arbeitsgesetzen. Dazu kommt die Bezahlung unterhalb des gesetzlichen Mindestlohns sowie die fehlende Pflegeausbildung der Kraft. „Die Frauen kommen, weil sie das Geld brauchen“, sagt Rosi Becker. „Die Agenturen vermitteln nur und fragen nicht nach Deutschkenntnissen oder einer Ausbildung.“ Die Zeche zahlen die Frauen. Denn sie sollen in den Haushalten die Erwartungen ihrer Arbeitgeber erfüllen.
Mit ihrer Krankenschwesterausbildung ist Milena eine Ausnahme. Der alte Mann, den sie betreut, hat Diabetes. Regelmäßig spritzt er sich Insulin. Durch ihre Ausbildung kennt sie sich mit Symptomen bei Bluthochdruck, Unterzuckerung oder Herzbeschwerden aus. Das gibt ihr Sicherheit. Die meisten Pflegekräfte haben dieses Wissen nicht.

Bei „Respekt“ werden die Frauen für einen Sonderbeitrag von 12 Euro Mitglied bei der KAB. So haben sie im Fall der Fälle eine arbeitsrechtliche Vertretung. „Unser erstes Ziel ist, dass alle sozialversicherungspflichtig beschäftigt werden“, sagt Rosi Becker. Damit würden die Frauen auch krankenversichert. Die fehlende Absicherung ist ein gravierendes Problem. „Manche schließen für die Zeit in Deutschland eine Krankenversicherung ab“, weiß Becker. Bei einem Monatslohn von 1000 bis 1400 Euro können sich das viele aber nicht leisten. Gerade bei der Pandemie ist das problematisch. „Das Infektionsrisiko ist für die Frauen erhöht“, sagt Becker. Die Hoffnung, dass sich durch Corona an den Verhältnissen ertwas ändert, wurde enttäuscht. „Politisch will da keiner ran“, stellt Becker fest.

 

Info

Respekt ist ein Projekt der Betriebsseelsorge Heinsberg und der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB). Das Netzwerk wendet sich an Wanderarbeiterinnen in Deutschland.
Gruppen bestehen derzeit in Erkelenz, Randerath, Karken und Geilenkirchen.
Kontakt ist möglich über Rosi Becker unter Tel. 01 63/7 39 62 45 oder Sonja Hanrath,
Tel. 0 24 52/2 23 43.