Den Chor neu denken

Kirchenmusiker im Bistum Aachen befassten sich mit dem Singen im Alter

Chor Nachricht (c) Burkard Vogt/pixelio.de
Chor Nachricht
Di 27. Feb 2018
Kathrin Albrecht
Kirchenmusik ist ein wesentlicher Bestandteil christlicher Verkündigung. Woche für Woche singen und musizieren im Bistum Aachen rund 20000 Menschen in Kirchenchören und -orchestern, als Organisten oder Kantoren.
Chor (c) Burkard Vogt/pixelio.de
Chor

Mit ihrer Tätigkeit erfüllen diese Menschen auch eine wichtige pastorale Aufgabe, sie prägen das Gemeindeleben, stiften Identität. Doch was ist, wenn die Sängerinnen und Sänger älter werden? Wie wirkt sich das aus, beispielsweise auf die Struktur, auf die Qualität des Chores? Und was bedeutet das für die weitere Zukunft des Chores? Es sind Fragen, die sich haupt- und nebenberufliche Kirchenmusiker im Bistum Aachen und anderswo immer häufiger stellen. Denn in vielen Gemeinden werden die Chormitglieder buchstäblich zusammen alt und müssen überlegen, wie es als Chor weitergeht. Oft lösen sich die Chöre auf, weil zum einen der Nachwuchs fehlt, zum anderen, weil die höhere Altersstruktur Auswirkungen auf die Konzerttätigkeit und auf das Repertoire des Chores hat. „Das Thema brennt uns auf den Nägeln, da besteht Handlungsbedarf“, sagt Michael Hoppe, Referent für Kirchenmusik im Bistum Aachen.

Einer, der zum Thema „Singen im Alter“ intensiv forscht, ist Kai Koch. Er ist Dozent an der Musikhochschule in Mannheim. Über das Thema hat Koch auch promoviert und dafür Seniorenchorprojekte in ganz Nordrhein-Westfalen besucht. Er hat außerdem selbst mehrere Seniorenchöre geleitet. Wie sich das Thema „Singen im Alter“ in den meisten Kirchenchören offenbart, stellt er den rund 100 Teilnehmern des „Werktags für Kirchenmusik“ in Aachen vor.

 

Ein Chor ist gerade für ältere Menschen ein wichtiges soziales Netzwerk

Warum singen Menschen im Alter? Diese Frage verdeutlicht Koch an sechs Karikaturen: Sophia ist eine ganz Engagierte und singt schon seit Ewigkeiten im Sopran. Doch inzwischen „quält“ sie sich regelrecht in die Höhen. Michael ist ein Chorurgestein. Doch im Alter wollen Augen und Ohren nicht mehr so wie früher, und seit einer Hüft-Operation ist er auf einen Rollator angewiesen. Henning mag nicht unbedingt immer den richtigen Ton treffen, doch mit seiner offenen Art ist er eine wichtige soziale Stütze für den Chor. Der ehrgeizige Johannes hat auch viele Jahre Chorerfahrung und sucht eine künstlerische Herausforderung. Susanne hat im Chor ihren Lebensmittelpunkt, für sie ist die wöchentliche Chorprobe das Highlight. Maria hat gerade einen großen persönlichen Verlust erlitten. Sie braucht den Chor als soziales Netzwerk, doch Musik steht dabei an zweiter Stelle. Sie nimmt sich oft Auszeiten.

„In den Figuren erkenne ich auch einige unserer Chormitglieder wieder“, meint Heinz-Rudi Heinze. Er ist der Vorsitzende der Chorgemeinschaft Cäcilia Tenholt/ Granterath/Hetzerath und gemeinsam mit Chorleiter Jürgen Pelz angereist. 2009 hatten sich drei Chöre zusammengetan, weil jeder allein nicht mehr hätte weiter existieren können. 40 aktive Sängerinnen und Sänger hat die Chorgemeinschaft zurzeit, die Altersspanne reicht von Mitte 20 bis 80 Jahre. Das Repertoire, berichtet Jürgen Pelz, sei durchaus anspruchsvoll. Ein Chor, das sei eben auch eine soziale Gemeinschaft, nicht nur eine musikalische. „Wir hatten in der Vergangenheit auch schon Fälle von Demenz“, erzählt Heinze. „Wir haben die betroffenen Chormitglieder ganz normal behandelt. Ob sie im Konzert mitgesungen haben, war nebensächlich.“ Bislang sei niemand, der sich für das Mitsingen interessierte, abgewiesen worden. „Wir sind für jeden offen“, unterstreicht Heinze.

 

Im Alter werden hohe Stimmen tiefer, tiefe Stimmen können höher werden

Wie verändert sich die Stimme im Alter? Einige Teilnehmer wissen das aus eigener Erfahrung: Sie wird tiefer. Auch Heinz- Rudi Heinze hat das schon bei sich bemerkt. Doch ganz richtig ist das nicht. „Es gibt mehr alte Sänger als alte Stimmen“, kommentiert Kai Koch. Anschaulich zeigt ein kurzer Einspieler, was sich beim Stimmapparat im Alter verändert: Die Stimmbandlippen sind geschwollen, es dauert länger, bis sie sich schließen, und sie schließen unregelmäßig. Die Stimme klingt brüchiger, ist leiser. Auswirkungen spüren Sänger auch bei der Atmung, bei der Speichelbildung und bei der gesamten Muskulatur des Rachens. Die Töne können nicht mehr so lange gehalten werden, die Stimme verändert sich in der Coloratur, im Register, im Timbre. Ältere Chöre haben oft Probleme mit leisen Passagen in Chorstücken. Hohe Stimmen verlieren nicht nur die Höhe, sondern auch die Tiefe. Tiefe Stimmen können hingegen auch höher werden.

Bei Stimmen, die regelmäßig trainiert werden, verlangsamt sich dieser Alterungsprozess, kann die Technik ausgleichen, was die Natur so nicht mehr leisten kann. Chorleiter müssten die Veränderungen in der Auswahl und in der Bearbeitung der Chorstücke berücksichtigen. Es reiche nicht aus, die Stücke einfach tiefer zu setzen, um den Frauenstimmen entgegen zu kommen, denn die tiefere Tonalität bringt dann die Männerstimmen in Probleme. Auch das „Degradieren“ einzelner Chormitglieder in eine andere Tonlage ist nur bedingt hilfreich und sorgt unter Umständen dafür, dass das gesamte Chorgefüge in Unordnung gerät. Für die Arbeit mit älteren Sängern sei es wichtig, nicht die Defizite zu beklagen, sondern nach Ausdrucksmöglichkeiten zu suchen, die die Veränderungen berücksichtigen, betont Kai Koch. Wenn die Ansprüche in den Hauptchören zu hoch sind, wäre die Gründung eines Seniorenchores eine sinnvolle Ergänzung.

Verschiedene Beispiele belegen, dass Chorarbeit auf hohem Niveau auch mit hochbetagten Sängerinnen und Sängern gut funktioniert. Möglichkeiten bieten unter anderem Chorimprovisationen oder Bearbeitungen von Chorsätzen, die sich für ältere Stimmen eignen. Koch selbst hat mit seinem Co-Autoren Franz-Josef Ratte mehrere solcher Bearbeitungen zusammengefasst. Die Notensammlungen sollen, entsprechend dem Kirchenjahr zusammengefasst, veröffentlicht werden. Einige Probestücke hat er für die Teilnehmer des Werktages in Aachen mitgebracht.

 

Das Thema müsste Pflicht sein in der Kirchenmusiker-Ausbildung

Ein Teilnehmer aus Brüggen meint, dass das Thema „Pflicht in der Ausbildung der Kirchenmusiker sein“ müsse. Jüngeren Chorleitern fehle oft das Fingerspitzengefühl gegenüber den älteren Chormitgliedern. Da würden zu anspruchsvolle Stücke in das Programm aufgenommen, manchmal auch wider besseren Wissens der einzelnen Chormitglieder. Diese seien dann überfordert, das mache auf Dauer den Chor kaputt. Für Michael Hoppe hat dieser Werktag neue Perspektiven eröffnet. „Wir haben verschiedene Möglichkeiten kennengelernt, wie sich Räume für Kirchenmusiker in der Arbeit mit älteren Sängern eröffnen, wie sich Chöre neu denken lassen,“ fasst er zusammen.

Kai Koch (c) BIstum Aachen/Heike Lachmann