„Weil wir uns um die Not unserer Mitmenschen scheren“

„Barber Angels“ frisieren ehrenamtlich und auf Augenhöhe. So auch wieder am 7. Juli in Düren

Maßnehmen ganz nach Wunsch ist eine Spezialität der „Engel“. (c) Ursula Weyermann
Maßnehmen ganz nach Wunsch ist eine Spezialität der „Engel“.
Di 25. Jun 2019
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 26/2019 | Ursula Weyermann

Obdachlose Menschen und Menschen mit ganz wenig Geld dürfen sich auf einen kostenlosen Haarschnitt freuen. Am Sonntag, 7. Juli, stehen die „Barber Angels“ wieder mit Kamm, Schere und ganz viel Herz am Dürener Bahnhof bereit. Die KirchenZeitung hat den frisierenden „Engeln“ und ihren Gästen bei der letzten Aktion im Winter über die Schulter gesehen.

Die Barber Angels Brotherhood (BAB) erinnert an einen Motorrad-Club der netten Sorte. Die Angels tragen schwarze Lederwesten, auf denen ihr Emblem zu sehen ist. Und sie haben einen Präsidenten, der heißt Klaus Niedermeyer. Er hat 2016 den Club und ein Jahr später den Verein gegründet. In München haben sie damals angefangen, obdachlose und bedürftige Menschen kostenlos zu frisieren. „Mittlerweile sind 200 Angels in der ganzen Bundesrepublik, Mallorca, Schweiz, Österreich und den Niederlanden tätig“, sagt Ute Ganser-Koll.

Überall am Dürener Bahnhof hängen kleine Zettel von den Barber Angels. „Friseurbesuch fällig, aber kein Geld?“ Es ist Sonntag. Und es ist ziemlich kalt. In der Wartehalle stehen schon einige Menschen, denen man ansehen kann, dass ihr Leben nicht immer so einfach verläuft. Zehn „Engel“ sind in Düren am Werk. In zwei Räumen, wovon der eine ein Durchgangszimmer ist, klappern die Scheren im Akkord. „80 bis 120 Menschen kommen an so einem Vormittag“, erklärt Ganser-Koll. Sie ist Zenturio, was soviel bedeutet wie Gebietsleiterin. Als solche ist sie für die Einsätze in NRW-West zuständig. Das kostet Zeit – und Sprit: „Im letzten Jahr bin ich 4500 Kilometer für mein Ehrenamt gefahren.“ „Weil wir uns um die Not unserer Mitmenschen scheren“ lautet das Motto der Barber Angels. Die Menschen, die sie frisieren, nennen sie Gäste. Aktuell in Düren ist ein junges Paar mit Kind zu Gast. Fasziniert schaut der Zehnjährige zu, wie seine Eltern einen neuen Haarschnitt bekommen. Ein bisschen schüchtern ist er. Aber schließlich gesteht er doch Angel Jacky seinen Wunsch. Er möchte einmal blaue Haare haben. Das gehört nicht zum Repertoire der Engel. Aber Jacky hat für seine Mutter einen Tipp: „Die Haare anfeuchten und dann blaue Wimperntusche auftragen. Hält einen Tag.“

Zu den Gästen der BAB zählen Menschen mit Familie und Dach über dem Kopf, aber sehr wenig Geld, genauso wie Menschen ohne feste Bleibe. Für letztere gibt es auch schon mal eine dicke Winterjacke oder einen Schlafsack. Eines ist allen Menschen gemein, die das „Friseurstudio der besonderen Art“ im Dürener Bahnhof verlassen: Sie haben zumindest ein kleines Lächeln auf dem Gesicht. Manche strahlen richtig. Kleider machen Leute. Frisuren auch. Fräulein Schürt ist seit einem Jahr dabei. Sie hat ein You-Tube-Video von den Barber Angels gesehen. Und da war ihr klar, dass sie auch auf diese Art und Weise helfen will: „Ich hab auch nicht viel Geld. Aber dass ich jemandem einen Haarschnitt geben kann und der Betreffende so Geld spart, ist ‘ne tolle Sache.“ Der Name Fräulein Schürt klingt ungewöhnlich. Die Friseurin lacht: „Früher hab ich mich immer aufgeregt, wenn jemand Fräulein gerufen hat. Aber als ich dann einen Spitznamen für die Angels brauchte, hab ich mir da einen Spaß draus gemacht.“

 

Angel Jacky

"Und manchmal heule ich Rotz und Wasser."

 

Alle haben Spitznamen. Und wenn Ute Ganser-Koll nicht gerade als Zenturio im Einsatz ist, dann heißt sie Lady Grey. Letztes Jahr hätten sie in Düren im Café Lichtblick frisiert, erzählt die Gebietsleiterin. Es sei nicht immer einfach, einen geeigneten Raum zu finden. In Düren gehe das noch, aber in Köln sei es schwierig. Manchmal wird draußen gearbeitet. Aber im Winter? „Das ist sowohl für die Gäste als auch für die Angels eine Zumutung“, sagt Ganser-Koll. „Die meisten sind selbstständig. Die können es sich nicht erlauben, krank zu werden.“ Aber Dank Kardinal Woelki sei die Raumbeschaffung mittlerweile auch in Köln einfacher geworden. Zwischen Jacky und ihrem Gast wandert ein Schal hin und her. Ein dicker, warmer. Aber es ist nicht so, dass der Schal ein Geschenk von Jacky an den Gast ist. Nein, er will ihr den Schal schenken. Als Dankeschön für ihre gute Arbeit und die lieben Worte. „Aber du kannst den doch viel besser gebrauchen!“ Jackys Argument prallt an ihm ab.

„Schön kurz?“, fragt Fräulein Schürt. „Ja bitte, muss ja schließlich wieder ein halbes Jahr halten.“ Die Frau kommt immer wieder, sobald sie hört, dass die Barber Angels wieder in Düren sind. Im Raum nebenan ist ein Engel mit Glätteisen zugange, und Ganser-Koll alias Lady Grey bringt mal wieder Hygieneartikel im Care-Paket an den Mann und an die Frau. Wie bei den Gästen das Verhältnis Männer zu Frauen sei? „Das ist ausgewogen. Zu Beginn stand ein ganzer Schwarm Frauen vor der Tür, aber das hält sich mittlerweile die Waage.“ Und das sei allerorten so. Es sei denn, es handele sich um einen speziellen Einsatz in einer Unterkunft für Männer oder Frauen. Die Engel schneiden Kopfhaare und Bärte. „Rasieren dürfen wir aus hygienischen Gründen nicht“, bedauert Ute Ganser-Koll. Und wieder verlässt ein Gast mit neuer Frisur und einem strahlenden Lächeln die Stube. Angel Jacky strahlt auch. Wenn sie nach Hause kommt und ihr Mann fragt, wie es war, sagt sie oft: „Ich brauch’ noch einen Moment.“ – „ Und manchmal heule ich Rotz und Wasser. Dann kommen die ganzen Emotionen raus.“

Die Barber Angels in Aktion

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