Not macht erfinderisch

Wie die Kinder- und Jugendarbeit während der Krisenzeiten in den Regionen gelingt

(c) Ursula Weyermann
Datum:
Di 26. Mai 2020
Von:
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 22/2020 | Ursula Weyermann

Was haben Gunnar Simon, Jessica Konradi, Sabine Meyer, Sarah Dittrich, Anja Lehmann und Urs Brunnengräber gemeinsam? Sie sind alle diplomierte Sozialpädagogen und Sozialarbeiter und in letzter Zeit häufig gemeinsam in „Discord“ zu finden. Letzteres ist kein Feriendorf, sondern eine virtuelle Begegnungsstätte, die Jugendlichen die Möglichkeit bietet, auch in Zeiten der Corona-Krise Kontakt untereinander und mit den Pädagogen zu halten. 

Sabine Bischof, Referentin für kirchliche Jugendarbeit in den Regionen Düren und Eifel, hat der KirchenZeitung Eintritt gewährt. Ganz wie im echten Leben und in einer echten Jugendfreizeiteinrichtung gibt es hier einen Eingangsbereich, ein Büro, einen Spieltisch und eine Couch. Hier tummeln sich gerade die bereits  erwähnten „Hauptamtlichen“ mit den „Ehrenamtlern“ Laura Simon und Tobi Pützer. Laura und Tobi sind ältere Jugendliche, die maßgeblich an der Entwicklung dieser Kommunikationsplattform beteiligt sind. Für Laura ganz klar: „Ich hab‘ schon in der KOT seit Langem ehrenamtlich gearbeitet. Da möchte ich auch jetzt für die Kids da sein.“ Und Kollege Tobi sagt: „Ich hab’ schon immer gerne was mit Technik gemacht. Sonst auch für den ,Point‘ in Hellenthal.“

Der „Point“ wird von Sabine Meyer geleitet. Und die hat vor der Krise noch mit Jugendlichen gemeinsam überlegt, wie man virtuell miteinander in Kontakt kommen kann „ohne Insta und Facebook“. Für die Sozialarbeiterin steht auch fest, dass sie die neue Plattform auch nach Corona nutzen will. „Wir haben die Zeit verschlafen, rechtzeitig online zu gehen. Aber jetzt sind und bleiben wir dabei.“ Über den Willkommenskanal können auch Freunde eingeladen werden. Die Einrichtungsleiter sind auch immer wieder eine gute Adresse, um in die virtuelle Jugendeinrichtung zu gelangen. Zuletzt hat es sonntags einen Spieleabend gegeben. „Mit ,Montagsmalern‘ und ,Stadt, Land, Fluss‘ und mit 14 Jugendlichen“, sagt Urs Brunnengräber. Er leitet eine Einrichtung in Linnich und findet es faszinierend, dass sich durch „Discord“ junge Menschen kennenlernen, die sonst 50 Kilometer auseinander wohnen. „Wir können hier auch Musik hören“, ergänzt Tobi.

Ist „Discord“ für alle Einrichtungen der kirchlichen Jugendarbeit geeignet? „Für die Jugendlichen macht das Sinn“, sagt Urs Brunnengräber. „Aber die Kleinen brauchen was anderes.“ Das weiß auch Martina Schütz-Berg, die Leiterin des Papst-Johannes-Hauses (PJH) in Düren. „Mit den Kindern und besonders in Problemfällen ist es anders, schwieriger. Das funktioniert momentan digital nicht. Viele Familien in meiner Zielgruppe haben keinen Computer, einige kein Smart- phone oder keinen Internetanschluss.“ Und so hat sie sich gerade für die Kinder etwas einfallen lassen. „Die Kinder der Einrichtung bekommen nun einmal in der Woche, ganz analog, ein Überraschungspaket mit Spiel- und Bastelangeboten, mit einem netten Anschreiben und mit einer kleinen Süßigkeit.“

Auf Wunsch bekommen die Eltern von ihr Anregungen zu Spielen zu Hause oder im Wald. „Einige meiner Ehrenamtler haben den Kindern ihre private Handynummer gegeben. Für alle Fälle.“ Und wie sieht das mit Problemfällen in der virtuellen Welt von „Discord“ aus? „Dafür gibt es das Büro“, erklärt Gunnar Simon. „Wie im analogen Jugendtreff auch.“ Hier können sich Jugendliche mit einer Fachkraft zu einem Vier-Augen-Gespräch zurückziehen. Da kommt dann auch kein anderer rein. Apropos reinkommen, wie ist das generell mit dem Ein- treten und dem Datenschutz in diesen  außergewöhnlichen Zeiten? Dazu Urs Brunnengräber: „Die Eltern können anrufen und generell eine Erlaubnis erteilen.“ Zu Corona-Zeiten muss der Datenschutz auch mal ein bisschen hintanstehen. „Wir haben den Auftrag, Kontakt zu den Jugendlichen zu halten“, erklärt Jugendreferentin Sabine Bischof. „Und da bin ich froh, dass unsere Arbeit vom Büro der Regionen, vertreten durch den Regionalvikar Norbert Glasmacher, so wertgeschätzt und unterstützt wird.“ Das digitale Jugendheim ist zu einer Kernzeit von 18 bis 21 Uhr immer paritätisch besetzt. Das heißt: Eine weibliche und eine männliche Fachkraft stehen zur Verfügung. 

Für Simone Haupt von der Mobilen Jugendarbeit in Düren sieht die Situation noch einmal ganz anders aus. Sie ist mit ihrem Büro gerade umgezogen, zum zweiten Mal in kurzer Zeit. Nachdem das Roncalli-Haus abgerissen wurde, gab es ein Übergangsbüro in der Zülpicher Straße, und von dort aus ging und geht es in die Piusstraße, direkt neben das Pfarrbüro. Und diese letzte Umzugsphase ging und geht mit Corona einher. „Ich bin zum Glück vorher schon viel digital unterwegs gewesen auf Facebook und Instagram“, sagt die Pädagogin. „Da erreichen mich die Jugendlichen auch noch abends zu Hause.“ In die Gestaltung der neuen Büroräume bezieht sie „ihre“ Jugendlichen mit ein und verlost Gutscheine für die besten Ideen. Bei Problemen können die Jugendlichen auch mal zu ihr ins Büro kommen. Nach Absprache, einzeln und mit Mundschutz und Abstandsregeln. Skaten ist für die Kinder und Jugendlichen aus Simone Haupts Bezirk immer ein großes Thema. „So haben wir uns jetzt in einer kleinen Gruppe mit Leuten von der Stadt im Adenauerpark getroffen“, erzählt die mobile Jugendarbeiterin. „Natürlich mit ganz viel Abstand.“ Haupt diskutiert mit den Jugendlichen über diverse Kanäle, bietet aber auch praktische Tipps und Bastelanleitungen. So hat sie selbst zu Hause ein Insektenhotel gebastelt, alles mit der Kamera aufgenommen und ins Netz gestellt. Das digitale Miteinander über Corona hinaus beschäftigt Martina Schütz-Berg sehr. „Ich wage es kaum zu sagen, aber die Jugendlichen und Kinder sind da schon viel weiter als wir. Und auch Kirche muss diese Dinge nutzen und umsetzen. Es ist toll, wie viele Videobeiträge es mittlerweile auf den Homepageseiten der Gemeinden, Pfarreienn und des Bistums gibt.“ Sie sei aber trotz allem der Überzeugung, sagt die PJH-Leiterin weiter, „dass der Kontakt vor Ort ,face to face‘ mit den nötigen Vorsichtsmaßnahmen und der vorgegebenen Prävention total wichtig und unumgänglich ist“. Dies sei eine ihrer Erkenntnisse aus der Krise, „das hätte Jesus uns bestimmt auch mit auf diesen schwierigen Weg gegeben“. 

Wie Kinder- und Jugendarbeit in Zeiten von Corona funktioniert

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