Mit Namen und Gesicht

Adelheid Jacobs-Sturm entwickelte ein Konzept Altenheim-Seelsorge. Das ist modellhaft im Bistum Aachen

Adelheid Jacobs-Sturm hat das Konzept „Altenheim-Seelsorge“ entwickelt. (c) Dorothée Schenk
Adelheid Jacobs-Sturm hat das Konzept „Altenheim-Seelsorge“ entwickelt.
Di 11. Jun 2019
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 24/2019 | Dorothée Schenk

Eigentlich sollte die Gemeindereferentin nach 15 Jahren Einsatz als Krankenhausseelsorgerin in Hüls mit 65 Jahren in den Ruhestand gehen. Wäre da nicht der Caritasverband der Region Krefeld auf sie zugetreten und hätte gefragt, ob Adelheid Jacobs-Sturm sich nicht vorstellen könne, die Altenheim-Seelsorge neu aufzustellen. Sie konnte. Das ist jetzt drei Jahre her. Inzwischen gibt es Interesse von den Caritasverbänden in den Regionen Düren, Mönchengladbach und Aachen.

Entscheidend ist zu wissen, welche Bedürfnisse die Menschen haben. (c) Dorothée Schenk
Entscheidend ist zu wissen, welche Bedürfnisse die Menschen haben.

>>Das Grundsätzliche

„Ein Altenheim ist ein Ort für eine Lebens- und Glaubensgemeinschaft – wie eine große Familie im Grunde genommen. Darum geht der Ansatz von Altenheim-Seelsorge auch noch einmal ganz andere Wege“, sagt Adelheid Jacobs-Sturm. Am Anfang stand die Frage: „Wie können wir die Seelsorge in den Caritas-Altenheimen sichern, neue Wege überlegen und wie können wir Seelsorge über Ehrenamtliche aufbauen?“ Mit dieser Aufgabenstellung durch Caritas-Geschäftsführer und Vorstand Hans-Georg Liegener beschäftigte sich die studierte Theologin ein halbes Jahr lang, ehe sie zu einer völlig unerwarteten Antwort kam. Jacobs-Sturms Erkenntnisse nach Recherchen in bereits bestehenden Konzepten in Nachbarbistümern und vielen Gesprächen mit bereits im Thema Engagierten waren: „Ehrenamtliche sind wunderbar, aber wir können keine verlässliche Seelsorge durch Ehrenamtliche garantieren.“ Fehlt ein konstanter Ansprechpartner, der die Arbeit koordiniert und anerkennt, ist das Projekt zum Scheitern verurteilt. Die Entscheidung: Hauptamtliches Seelsorgepersonal muss eingesetzt werden. „Die positive Überraschung war, dass die Geschäftsführung sich auf alle meine anderen Vorschläge eingelassen hat“, sagt Ideengeberin Jacobs-Sturm.

 

>>Das Konzept

In jedem Altenheim, den Kurzzeit- und Tagespflege-Einrichtungen werden Mitarbeiter in einem 150-Stunden-Seelsorge-Kurs qualifiziert. Er beinhaltet 15 Tage Fortbildung etwa zu den Themen: Die Lebens- und Glaubensbiografie der Teilnehmer, aber auch der Umgang mit der Lebens- und Glaubensbiografie der alten Menschen, mit denen sie umgehen, Kommunikation, Rituale und liturgische Feiern sowie Vernetzung. Das Altenheim als Ort der Seelsorge gehört ebenfalls zum Ausbildungskanon. Ergänzend ist ein
40-stündiges Projekt vorzubereiten, umzusetzen und zu dokumentieren. Beispiele aus der Praxis sind etwa der Aufbau eines „Ortes der Stille“ in  Einrichtungen, die über keine eigene Kapelle verfügen, ein Gesprächskreis zum Thema „Gott und die Welt“ oder auch ein Trauergesprächskreis unter dem Titel „Einer fehlt“. Entstanden ist die Idee spontan, als die Bewohnerin eines Altenheims starb und die Zurückgebliebenen offensichtlich Bedarf am Austausch hatten. „Das ist keine übergestülpte Seelsorge von außen, die kommt von innen, weil die Mitarbeiter wissen, woran es fehlt – sie arbeiten jeden Tag mit den Bewohnern“, erläutert Adelheid Jacobs-Sturm das grundlegende Prinzip in der Altenheim-Seelsorge. Es geht darum, Bedürfnisse zu erkennen und auf sie zu reagieren. Dazu gehört auch die Erkenntnis: „Menschen sind auch in ihrer Demenz für das Heilige und Religiöse sehr ansprechbar.“

Ausgebildet werden ausschließlich Mitarbeiter aus dem Sozialen Dienst, denn „es gehört ohnehin zu ihrem Arbeitsauftrag, die Lebenssituation der Bewohner zu verbessern, und in katholischen Häusern gehört Seelsorge einfach dazu“. Zwei Kurse sind schon abgeschlossen. Ein dritter ist bereits geplant. Mit Freude ist die Konzeptentwicklerin, Organisatorin und Referentin immer noch dabei, denn „mitzubekommen, wie die Menschen sich innerlich wandeln, sich für die Themen öffnen und selbst mit einer Begeisterung in ihren Einrichtungen das umsetzen – das ist einfach toll.“

 

>>Die Arbeitskreise

Inzwischen gibt es zwei Arbeitskreise Seelsorge. Der eine, der als erster Arbeitskreis eingerichtet wurde, wendet sich an die bereits ausgebildeten Seelsorgerinnen, die als Koordinatorinnen in ihren Einrichtungen vielfältige Aufgaben wahrnehmen. Vier Stunden pro Woche stellt der Caritasverband sie dafür frei und hat eigens Stabsstellen eingerichtet: Hier betreuen sie in ihren Häusern die Ehrenamtlichen, behalten im Blick, was fehlt, halten Wortgottesfeiern, bleiben in Kontakt zum Territorium – also den pastoralen Mitarbeitern oder Priestern in der Gemeinde, in der ihr Standort ist – und bauen einen eigenen Arbeitskreis Seelsorge in ihren Häusern auf. Das ist der zweite Arbeitskreis. Das Ziel: Die Seelsorge in der Struktur des Hauses zu verankern. „Das ist mir ganz wichtig!“, betont Jacobs-Sturm. Teilnehmer des zweiten Arbeitskreises sind neben der Koordinatorin, Adelheid Jacobs-Sturm als Projektleiterin und der Einrichtungsleitung idealerweise ein Mitarbeiter aus jedem Wohnbereich, diejenigen, die weitere Seelsorge-Kurse absolvieren, und es gibt die Überlegung, auch je einen Bewohner einzubinden, der sowohl geistig in der Lage als auch willens ist, an gemeinsamen Überlegungen teilzuhaben. In einigen Einrichtungen ist das bereits Realität.

 

>>Der Nachwuchs

Künftig wünscht sich Projektleiterin Jacobs-Sturm, auch Auszubildende, die im Caritasverband beginnen, in einem dreitägigen Kurs zu schulen, sie auf eine spirituelle Achtsamkeit aufmerksam zu machen. „Auszubildende, junge Leute, sind so offen für alles. Wenn wir ihnen unsere Grundlage nahebringen, dann haben wir ein tolles Potenzial für die Arbeit später. Ich finde es wichtig, früh genug anzufangen“, betont die 68-Jährige, die offenbar noch lange nicht ans Aufhören denkt. „Bei den Benediktinerinnen gibt es eine Regel: Der jüngste Mitarbeiter ist ganz wichtig – das sind bei uns die Auszubildenden. Sie haben den unverstellten Blick, bemerken Dinge. Sie zu unterstützen, dabei zu bleiben und nicht abzustumpfen, ist ganz wichtig.“ Angelehnt an den Seelsorge-Kurs sollen Werte und Haltungen, das christliche Gottes- und Menschenbild sowie das Profil der Caritas und die eigene Biografie und Spiritualität in den Blick genommen werden. Dieses Vorhaben sei aber noch ganz frisch und noch nicht mit der Geschäftsführung besprochen, sagt sie schmunzelnd.

 

>>Die Perspektive

Im „Mikrokosmos Altenheim“ ist möglich, was heute in den immer größer werdenden Gemeinschaften der Gemeinden und Pfarreien problematisch ist, nämlich dass Seelsorge ein „Gesicht“ hat. Könnte das Konzept eine Chance und vorbildhaft für Gemeinden sein? „Letztlich ja,“, sagt Adelheid Jacobs-Sturm, „Seelsorge ist ganz viel Beziehungsarbeit. Beziehung kann ich aber nur mit jemandem aufnehmen, von dem ich wenigstens den Namen weiß und weiß, wie ich ihn erreichen kann.“ Reduzierte Öffnungszeiten in Gemeindebüros, Anrufbeantworter, wechselnde Priesterschaft in Gottesdiensten – da könnte keine Beziehung mehr wachsen. Wichtig sei das Prinzip: „Was es gibt und gut ist, will ich erhalten – und wo was fehlt, ist die Frage: Was können wir an Struktur neu schaffen? Das ist für mich ein Grundsatz von Seelsorge.“

Seelsorge-Koordinatorinnen

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