Mal die Blickrichtung ändern

Im Innovationsprozess der Pfarrei St. Lukas Düren sind Menschen zum „Perspektivwechsel“ eingeladen

Ein neues Angebot der Pfarrei St. Lukas lädt ein, den eigenen Blickwinkel bewusst zu ändern (c) Dorothée Schenk
Ein neues Angebot der Pfarrei St. Lukas lädt ein, den eigenen Blickwinkel bewusst zu ändern
Di 3. Sep 2019
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 36/2019 | Dorothée Schenk

 „Das kann man aber auch so sehen…“ Ein Satz, der täglich verwendet wird. Völlig selbstverständlich ist es uns Christen, die von Jesus immer wieder aufgefordert werden, den eigenen Standpunkt zu hinterfragen, von sich selbst zurückzutreten. Aber wirklich einmal den anderen Standpunkt ganz höchstpersönlich und örtlich einnehmen? In der Pfarrkirche St. Anna, im Herzen von Düren, wird hierzu eingeladen.

Schon nach dem Durchschreiten des Vorraums fällt es sofort ins Auge. Vor dem Allerheiligsten steht augenfällig der unerwartete Fremdkörper: ein rotes Sofa. Ein Hingucker. Um die Einladung auf der davor liegenden Fußmatte zu lesen, müssen die Kirchenbesucher sich trauen, näherzutreten. „Nehmen Sie Platz und wechseln Sie die Perspektive“, steht darauf.

Ein Angebot, das nicht für jeden ohne Scheu möglich ist, wie Initiatorin Ria Flatten vom Team „Willkommensdienst“ (KiZ 26/2019) im Innovationsprozess der Pfarrei St. Lukas Düren einräumt. Schließlich ist der Altarraum normalerweise den Priestern vorbehalten. Der Selbstversuch zeigt: Es lohnt sich, das eigene Denkmuster einmal zu durchbrechen und die Blickrichtung zu ändern. Das rote Sofa ist bequem mit breiten Armlehnen. Es kribbelt ein wenig, schließlich sitzt man „auf dem Präsentierteller“. Andere Kirchenbesucher gucken neugierig mit der Frage im Blick: Was machen die beiden da nur? Warum sitzen sie da? –

Natürlich kann man auch alleine auf dem roten Sofa Platz nehmen, aber es ist ein Zweisitzer. Bewusst, sagt Ria Flatten, denn so bietet es Raum zu Gesprächen, einer gemeinsamen Entdeckungsreise oder auch einvernehmlichem Schweigen und Beten.

 

Erstes Leitmotiv: Licht

Farblich abgestimmt findet der Gast eine handliche Kladde mit der Aufschrift „Perspektivwechsel“, von deren Inhalt man sich leiten lassen kann. Wer sich zurücklehnt, hebt die Augen automatisch in Richtung Kirchenfenster. Darum wurde dieser Aufstellungsort gewählt. Entweder gibt man sich seinen Gedanken hin oder nimmt die Fragen aus der Kladde als Leitfaden: „Wo gefällt Ihnen das Licht im Glas am besten? Sehen Sie Wurzeln oder Narben und Risse? Erkennen Sie Wege, die die roten Bänder im Glas nehmen?“ Ideen, die der Künstler Ludwig Schaffrath zur Fenstergestaltung hatte, werden aufgegriffen, aber nicht erklärt. Es gehe um die spirituelle Anregung, betont Ria Flatten.

„Zum Nachdenken“ ist darum auch ein weiteres Blatt überschrieben: Geleitet wird der Blick auf die Eindrücke durch das Licht, das zu jeder Tageszeit den Kirchenraum anders gestaltet, auf die Bedeutung des „Lichts“ im christlichen Verständnis. Gedanken, die sich einstellen, können die Betrachter direkt formulieren und niederschreiben. Dazu finden sich in der Kladde Stift und ein Streifen Papier. Im Wortsinn wünscht sich das Team, dass die Kirchenbesucher am Ende etwas mitnehmen können. „Die Karten haben wir schon häufiger nachgefüllt“, sagt Ria Flatten mit bescheidener Freude, dass die Idee so gut angenommen wird. „Ich kann sie als Lesezeichen benutzen oder auf Visitenkartengröße falten“, macht sie es vor. Aber es gebe auch Menschen, die ihre Notizen in der Mappe ließen, „als ob sie eine Rückmeldung geben möchten“.

 

Keine Provokation, sondern Inspiration

Rückmeldungen und kritische Töne gab es auch schon mündlich, berichtet die Initiatorin: „Kann ich demnächst hier auch meinen Strandkorb hinstellen? Oder meine Hängematte aufhängen?“, sei sie gefragt worden. „Es geht nicht um ein Event“, stellt Ria Flatten klar. „Wir haben eine ganz – ich nenn das jetzt mal bewusst so – solide und konkrete Absicht, hier einen Ruhepunkt zu setzen – und dazu darf man auch bequem auf einem Sofa sitzen.“ Ziel ist es nicht, zu provozieren, liturgische Abläufe und Feiern zu stören, sondern zu Zeiten, zu denen es weder Gottesdienste noch Angebote in der Kirche gibt, den Besuch in St. Anna zu einem Glaubens-Erlebnis zu machen.

Wie es weitergeht, ist klar. Einen Endpunkt des Projektes gibt es nicht. Erst einmal wird das Sofa künftig im Kirchenraum von St. Anna „wandern“. Vor der Orgelempore, auf der Podeststufe, soll es aufgestellt werden, eine Kirchenbank soll eine Zeit lang dem roten Sofa weichen, und der Anna-Schrein besonders in den Blick genommen werden. Immer neue Perspektiven können so entdeckt werden. Wichtig ist dem Team immer die Verankerung in der Grundidee, der Auseinandersetzung mit dem Glauben. Das bedeutet, dass die „Impulskladde“ für jeden Ort neu mit Texten bestückt werden muss. Wenige Gedankenspiele sind notwendig für die Überlegung, das Sofa in benachbarten katholischen Kirchen aufzubauen. Interesse ist schon bekundet worden. Im Gespräch sind auch eine Platzierung in der evangelischen Schwesterkirche, auf der Rathaustreppe und in der Fußgängerzone. Da wird Ria Flatten allerdings zögerlich. Denn das will gut vorbereitet sein. Das Projekt wird ehrenamtlich umgesetzt. „In der Stadt möchten wir die richtigen Leute ansprechen, die etwas zum Thema beitragen können, wenn wir es positionieren …“

 

Eine Idee und ihre Umsetzung

Apropos Vorbereitung: Die Idee zum „Perspektivwechsel“ kam Ria Flatten beim Laufen im Wald. „Da habe ich immer die kreativsten Gedanken“, sagt sie. Die konzeptionelle Umsetzung und Entwicklung der Textbausteine gelang mit dem Ehrenamtler-Team vom „Willkommensdienst“. Bei der Gestaltung holte sich das Team professionelle Hilfe beim Kölner „Studio komplementaer“, auf das Ria Flatten bei einem Kirchenbesuch in Bonn aufmerksam geworden war.

Eine Professionalität, die man sieht und die anspricht: Dazu gehören das Farbkonzept, das Sofa von der Stange, aber mit individuellen Extras bis hin zur Leselampe, die Kladde, die Buchbinderhandarbeit ist, die Auswahl von Papier und letztlich das ansprechende Schriftbild. „Ohne Unterstützung hätten wir das nicht gekonnt“, fasst Ria Flatten sachlich zusammen. Bei aller Spiritualität: Das Projekt kostet in Hinsicht auf Material und Umsetzung auch Geld. Dafür konnte sich das Team auf das Bistum Aachen stützen, das Projektmittel zur Verfügung gestellt hat.

Weitere Informationen unter Aktuelles auf der Internetseite www.st-lukas.org

Das rote Sofa in der Kirche St. Anna in Düren

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