Drei Stunden für Frieden und Verständigung unterwegs

Abraham-Karawane zieht zum zweiten Mal durch Düren

Zum Abschluss entsteht in der Annakirche ein Engel der Kulturen aus Sand. (c) Ursula Weyermann
Zum Abschluss entsteht in der Annakirche ein Engel der Kulturen aus Sand.
Mo 30. Sep 2019
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 40/2019 | Ursula Weyermann

Die Stimmung ist friedlich und fröhlich gleichermaßen. Mehr als 300 Menschen sitzen in der Dürener Annakirche. Männer und Frauen. Kinder und Senioren. Christen und Andersgläubige. „Die Welt kommt in Bewegung und sucht sich eine neue Ordnung. Alle Menschen machen sich auf den Weg. Die Völker brechen auf mit einem neuen Ziel“, zitiert Pfarrer Hans-Otto von Danwitz, Hausherr von St. Anna, den Segensspruch nach Jesaja.

Die Fatih-Moschee in Düren war Treff- und Startpunkt für die Abraham-Karawane. (c) Ursula Weyermann
Die Fatih-Moschee in Düren war Treff- und Startpunkt für die Abraham-Karawane.

Die „Bunten Chöre“ singen. Ab und zu steht ein Kind auf und tanzt. Begleitet vom „Engel der Kulturen“, der auf dem T-Shirt oder einem selbst gebastelten Schild zu finden ist. Einige der Kleinen sind von Anfang an mit dabei gewesen. Das heißt, sie haben schon einen langen Weg hinter sich. Das Gelände der Fatih-Moschee ist als Treffpunkt auserkoren. Schon vor 15 Uhr sammeln sich hier einzelne Gruppen und Grüppchen. Nach eigenen Angaben ist David Bekis aramäischer Christ und Melissa Servatius ist Muslima. Beide besuchen die Klasse 8c der Matthias-Claudius-Schule in Birkesdorf. Laura Prange ist Schülersprecherin und weiß, dass der bunte Engel, den sie halten, „schon beim letzten Mal dabei war“.

Auch vor sechs Jahren hatte sich die Abraham-Karawane von der Dürener Moschee aus in Bewegung gesetzt. Auch vor sechs Jahren initiiert vom Dürener Bündnis gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Gewalt. Dessen Leitspruch lautet, erklärt Sprecher Gunter Derichs: „Lasst uns einstehen für eine Gesellschaft, in der alle Menschen gleiche Rechte und gleiche Chancen haben, unabhängig von ihrer Herkunft, ihrem Status und ihrer Religion.“

Der „Engel der Kulturen“ ist ein Symbol für das friedliche Miteinander der abrahamitischen Religionen. In einem Rad sind der islamische Halbmond, der jüdische Davidstern und das christliche Kreuz zu finden. So entstehen Aussparungen, durch die ein Engel sichtbar wird. Vor sechs Jahren war ein solches Rad, vom Künstlerpaar Carmen Dietrich und Gregor Merten entwickelt, durch Düren gerollt worden und eine Bodenintarsie vor der Christuskirche verlegt worden. Noch im gleichen Jahr wurde ein solches Rad als bleibendes Denkmal im Park vor dem Haus der Stadt aufgestellt. „Die Welt ist seitdem nicht besser, nicht toleranter und nicht kompromissbereiter geworden“, bedauert Derichs und äußert den Wunsch, „nicht müde zu werden, weiterhin gemeinsam am friedlichen Miteinander“ zu arbeiten.

Dazu passen auch die Worte Mutafa Yeters von der Fatih Moschee: „Es gibt keinen Frieden ohne Respekt und Anerkennung des anderen.“ Avin, Lucia, Aleyna und Chaad von der Realschule Wernerstraße halten einen „Engel der Kulturen“ aus Holz, während die Karawane sich von der Moschee, vorbei am Haus der Stadt, vorbei an der Stele Schützenstraße, wo früher eine Synagoge stand, über den Marktplatz bis in die Annakirche bewegt. Die Karawane wird angeführt von einer Trommelgruppe und am Haus der Stadt mit einer Musikeinlage begrüßt. Immer wieder gibt es auf der Strecke Worte zum Nachdenken, wie die von Pfarrerin Susanne Rössler: „Misstraut allen, die einfache Antworten haben.“

 

Am Ende bauen Kinder einen großen Engel aus Sand

An der Stele in der Schützenstraße wird die Karawane von Neomi Naor erwartet, den Blick auf das Parkhaus auf der gegenüberliegenden Straßenseite gerichtet. Den Ort, wo früher die Synagoge gestanden hatte. Sie erzählt von der „tollen Gemeinschaft“, die es dort bis 1933 für die Dürener Juden mit ihren Nachbarn gegeben habe. Kleine „Nordstadtpiraten“ und Kinder der Kita St. Joachim tanzen fröhlich zusammen und machen dadurch ein bisschen Hoffnung für eine Welt, in der Hautfarbe und Herkunft keine Rolle mehr spielen. „Menschen aus 151 verschiedenen Nationen leben bei uns im Kreis Düren“, sagt Astrid Hohn als stellvertretende Landrätin. Schülerinnen der Bischöflichen St.-Angela-Schule tragen stolz ihre selbst gebastelten „Engel“ vor sich her. Bei entsprechendem Lichteinfall strecken sie diese in die Höhe. Und die Intarsien leuchten in allen Farben.

Im evangelischen Jugendzentrum Multi-Kulti haben Kinder bunte Engel-Laternen gebastelt, und ganz kleine „Engel“ nehmen im Kinderwagen am Geschehen teil. Friedliches und fröhliches Miteinander im innerstädtischen Gotteshaus. Mittlerweile geht es auf 18 Uhr zu. Einer mütterlichen Umarmung sei die Form der Annakirche aus architektonischer Sicht nachempfunden worden, hat Hans-Otto von Danwitz erzählt, „passend zur Mutter Anna“. Und jetzt zitiert Derichs aus dem Segensspruch nach Jesaja: „Die Menschen werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Rebmessern schmieden.“

Für die ganz Kleinen gibt es jetzt kein Halten mehr. Mit Carmen Dietrich und Gregor Merten dürfen sie das große abrahamitische Rad mit speziellem Sand befüllen. Dieser wird festgeklopft und dann wird die Form entfernt. Auch wenn das Ergebnis von Anfang an fest steht, so ist es doch ein erhebender Moment, als sich der Engel zeigt. Der Engel der Kulturen.