Ort lebendiger Solidarität

Manfred Körber sieht das Nell-Breuning-Haus als Schaltstelle zwischen Kirche und Gesellschaft

Ort lebendiger Solidarität Nachricht (c) Andrea Thomas
Di 22. Jan 2019
Andrea Thomas
Vor fast genau einem Jahr hat Manfred Körber die Leitung des Nell-Breuning-Hauses in Herzogenrath übernommen. Gereizt hat ihn daran nach 16 Jahren beim Bistum vieles.
Ort gelebter Solidarität (c) Andrea Thomas

 Persönlich, dass sich hier für ihn ein Kreis schließt. Beruflich unter anderem, dass das Haus weit mehr sei als nur ein kirchlich getragenes Bildungshaus: „Darin lebt noch etwas anderes.“
Frisch von der Uni war das Nell-Breuning-Haus seine erste berufliche Station als Referent, weshalb es schön sei, nun wieder dorthin zurückzukommen, sagt Manfred Körber. Vieles habe sich verändert seit damals, die Krisen und Existenzsorgen der vergangenen Jahre hätten das Haus nachhaltig geprägt. „Durch die permanente Unterfinanzierung ist eine große Kreativität bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gewachsen, Projekte zu entwickeln.“ Eine positive Dynamik, ohne die es das Haus sonst so nicht mehr gäbe, und etwas, das ist ihm wichtig, dass die Mitarbeiter selbst geschafft hätten. Die Kehrseite sei ein hoher innerer Druck.

Den sollen seit dem vergangenen Jahr vor allem zwei Dinge abfedern: dass durch ihn als neuem Leiter wieder Kontinuität und damit Stabilität entsteht und über die Zusage des Bistums für eine finanzielle Unterstützung über fünf Jahre. Ohne feste Partner gehe es nicht, wie Manfred Körber unterstreicht, der die Zusammenarbeit mit dem Bistum, über das Finanzielle hinaus, auch inhaltlich in den Bereichen wie Arbeitslosenarbeit oder Seminare für Mitarbeitervertretungen weiter ausbauen will.


Lebenswirklichkeit von Menschen

„Ziel ist, Herzogenrath zum Kompetenzzentrum für Kirche und Arbeiterschaft im Bistum Aachen zu machen.“ Nicht von ungefähr lautet daher der Jahresschwerpunkt des Hauses, das in diesem Jahr sein 40. Bestehen feiert, „Arbeit und Solidarität“. Das Thema Arbeit wird dabei ganz konkret in einer Vielzahl von Veranstaltungen und Projekten von regional bis europaweit. Regional ist da aktuell die Debatte um das Ende der Braunkohleförderung, die auch einen neuen Strukturwandel für die Region bedeute. Dabei will sich das Haus als Dialog-Ort positionieren, wo alle Beteiligten zusammenkommen können, ohne direkt in „Facebook-Hass-Tiraden“ zu verfallen. Europaweit sind das unter anderem ein Vernetzungstreffen von Arbeiterpriestern sowie eine Fachtagung zur Wanderarbeit in Europa. Letzteres zieht weite Kreise, von Mitarbeitern in der Fleischindustrie über Paketdienstfahrer bis zu den 24-Stunden-Kräften in der Pflege. Für schlecht bezahlte Jobs werden Menschen aus anderen Ländern eingestellt, die dafür ihre Heimat verlassen, wo wiederum Arbeitskräfte gesucht werden, die ihrerseits fernab von zu Hause aus arbeiten, um die entstehenden personellen Lücken zu schließen.

Sich mit der Arbeitssituation von Menschen zu beschäftigen, heißt immer auch, sich mit ihren Lebenswirklichkeiten zu beschäftigen. Das werde dann schon fast seelsorgerisch, stellt Manfred Körber fest und führt als Beispiel das gemeinsame Projekt mit KAB und Diözesanrat der Katholiken „Arbeit 4.0“ zu den Folgen der Digitalisierung von Arbeit an und das, was dieser Wandel mit Menschen macht. Dazu passen auch ein 2017 gestartetes Projekt, das Sexismus und Homophobie am Arbeitsplatz aufgreift, sowie der Schwerpunkt „Übergang Schule–Arbeitswelt“, an dem das Nell-Breuning-Haus seit vielen Jahren mit der CAJ arbeitet. Wo Menschen an Wendepunkten in ihrem Leben stehen, sei auch Kirche gefragt.


Begegnungen, die sonst nicht stattfinden

Die Frage „Wie gehen Solidarität und eine populistische, nach rechts driftende und polarisierende Gesellschaft zusammen?“ ist für Manfred Körber ganz zentral und aktuell, da sei gerade „viel Musik drin“. „Solidarität als Antwort auf das Auseinanderdriften der Gesellschaft hat viele Facetten. Von der Hilfe im Dorf, wie jetzt gerade bei den starken Schneefällen, der Unterstützung von Flüchtlingen bis zur Solidarität zwischen Menschen mit guten und schlechten Arbeitsbedingungen.“ Das Nell-Breuning-Haus sei schon immer ein „Solidaritätsort“ gewesen, an dem bewusst daran festgehalten und gearbeitet werde. So wird auf dem Gelände ein Niedrigseilgarten entstehen, der auch für die Bildungsarbeit des Hauses genutzt werden soll. In den Familienseminaren stehen gezielt Flüchtlingsfamilien und Familien, die von Hartz IV leben, im Mittelpunkt. Ihnen diese Erfahrungen zu ermöglichen, zum Beispiel auch durch finanzielle Unterstützung der Seminare, ist gelebte Solidarität, gerade von kirchlicher Seite. „Da wird interreligiöse und interkulturelle Arbeit sehr konkret.“

An einem Tag im Nell-Breuning-Haus begegnen sich an der neugestalteten Kaffeebar oder im Essraum ganz unterschiedliche Menschen. Hauptschüler treffen auf die Mitarbeiter einer großen Firma, kirchlich geprägte Gruppen auf eher kirchenferne, junge Menschen auf ältere, reiche auf arme, Entscheidungsträger auf Langzeitarbeitslose. „Ein Spektrum, das wir so in der klassischen Kirche nicht mehr haben“, sagt Manfred Körber.

Der Sozialethiker Friedhelm Hengsbach habe das Haus einmal als „Relaisstation“ bezeichnet. Dieses Bild einer Schaltfunktion in Kirche und Gesellschaft würde Körber zum 40. gerne noch einmal neu beleben. Menschen, die direkt nichts mit Kirche zu tun haben, wieder mit dem christlichen Auftrag verwickeln. Ein Schritt in diese Richtung ist, die Kapelle über Angebote wie spirituelle Mittagspausen, „Auszeit am Sonntag“ oder Ausstellungen als spirituellen Ort in einem sozialethischen Bildungszentrum zu stärken.

Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 04/2019