„Menschenrechte in der Corona-Krise - Gleiches Recht für alle“

Ein Interview mit Ingeborg Heck-Böckler, Vorstandsbeauftragte für Flüchtlingsschutz in NRW und Sprecherin der Fachkommission Asyl

Ausstellung
Di 26. Mai 2020
Laura Büttgen

Wir fragen Menschen aus dem Bistum Aachen, die mit der Bischöflichen Akademie in Verbindung stehen, wie sie mit der Corona-Krise umgehen. Vor welchen Herausforderungen stehen sie? Und wie wollen sie diese bewältigen?

Ingeborg Heck-Böckler (c) Ingeborg Heck-Böckler

Frau Ingeborg Heck-Böckler ist seit 42 Jahren ehrenamtlich bei Amnesty International aktiv. Sie ist Vorstandsbeauftragte für Flüchtlingsschutz in NRW und Sprecherin der Fachkommission Asyl

 

Wie wirkt sich die Corona-Krise auf Ihre alltägliche Arbeit aus?

Die Arbeit ist stark eingeschränkt, zumal sie sonst von öffentlichen Aktionen und einer aktiven Öffentlichkeitsarbeit lebt. Unsere Arbeitsweise, die seit den Anfängen aus dem Sammeln von Unterschriften und der Nutzung von Petitionen besteht, ist derzeit auf diese Weise nicht mehr möglich. Ebenso sind die Organisation von Demonstrationen und Mahnwachen, unter anderem aufgrund des erforderlichen Einhaltens der Sicherheitsabstände, sehr umständlich geworden. Sie müssen mit einem hohen Verantwortungsbewusstsein durchgeführt werden, da die eigene Gesundheit und die der Mitmenschen im Vordergrund stehen muss.

Vor eine große Herausforderung stellt uns ebenfalls die Planung von Veranstaltungen, die wir gemeinsam mit unseren Kooperationspartnern durchführen. Es muss bis ins kleinste Detail abgewogen werden, was gut und verantwortungsvoll ist – die Einschränkungen bei Räumen, Imbissen etc. müssen innerhalb des jeweiligen Hygienekonzepts eingehalten werden.

Ähnlich sieht es in der Flüchtlingsarbeit und Beratung aus. Diese Bereiche leben davon, dass man sich sieht und man ein Vertrauensverhältnis aufbauen kann. Es müssen Unterlagen gesichtet werden und viele wollen jemanden mitbringen, um eventuellen Sprachproblemen vorzubeugen.

 

Wie gehen Sie nun unter diesen erschwerten Arbeitsbedingungen mit dieser Situation um?

Der Vorstand von Amnesty International hat sich auch über diese Probleme Gedanken gemacht und ein Konzept erarbeitet, wie die Öffnung der Büros aussehen könnte.

Wenn zum Beispiel jemand neu in die Asylberatung kommt, muss diejenige oder derjenige die Unterlagen postalisch zuschicken, damit die/der Beratende sich das vorher anschauen kann und die Hygienemaßstäbe eingehalten werden können. Termine werden neuerdings nur nach Vereinbarung vergeben und die Beratung wird nur zu zweit durchgeführt. Dabei wird darauf geachtet, dass auch eine Frau anwesend ist, da insbesondere geflüchtete Frauen und Mädchen oft mit Themen wie sexualisierter Gewalt auf der Flucht konfrontiert worden sind.

Zudem ist es uns ein Anliegen unsere gesellschaftliche Verantwortung wahrzunehmen und wenn nötig zu unterstützen, dass Infektionsketten nachverfolgt werden können. Deswegen werden die Kontaktdaten aller Beteiligten notiert.

 

Plakat gegen Rassismus (c) Amnesty International

Sie sprechen von gesellschaftlicher Verantwortung: Was bedeutet Corona für die Menschenrechte in Europa ?

Viele europäische Staaten haben in den letzten Monaten Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie ergriffen, welche die Menschenrechte ihrer Bürgerinnen und Bürger einschränken und zum Beispiel Einschnitte in ihrer Bewegungsfreiheit bedeuten. Einige Staaten, hier denke ich vor allem an Ungarn, haben Regierungen, welche die Corona-Krise nutzen, um Dekrete ohne parlamentarische Kontrollfunktion zu erlassen. Die befürchteten massiven Einschränkungen von Freiheitsrechten wurden von der heimischen Opposition und auch international stark kritisiert.

Wir bei Amnesty International, widmen unsere Arbeit schutzbedürftigen Menschengruppen, wie Flüchtlingen, Inhaftierten oder Wohnungslosen, die auch in der Corona-Krise nicht über die Maßen überlastet werden dürfen. Mit Hilfe einer Amnesty Online-Aktion setzen wir uns bei der Deutschen Bundesregierung für die Evakuierung des heillos überfüllten griechischen Flüchtlingslagers Camp Moria ein. Dort leben viel zu viele Menschen auf zu kleinem Raum, was das Einhalten von (in der Corona-Krise verstärkten) Hygienemaßnahmen unmöglich macht. Auch wenn die Bundesregierung im April trotz der Corona-Krise 47 unbegleitete Minderjährige der griechischen Inseln Chios, Samos und Lesbos aufgenommen hat, ist dies aus meiner Sicht leider nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Auch wenn die Bundesregierung im April trotz der Corona-Krise 47 unbegleitete Minderjährige der griechischen Inseln Chios, Samos und Lesbos aufgenommen hat, ist dies aus meiner Sicht leider nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

 

Plakat gegen Rassismus 2 (c) Amnesty International

Die Lage dort ist kritisch und es bleibt abzuwarten, was die europäischen Staaten als Nächstes unternehmen werden. Wie schätzen Sie die Situation für Flüchtlinge in Deutschland ein?

Mit Sorge blicken wir auch auf deutsche Flüchtlingsunterkünfte: Zum Beispiel hat sich in einer Flüchtlingsunterkunft in St. Augustin im Rhein-Sieg-Kreis in der vergangenen Woche eine hohe Zahl an Menschen mit dem Coronavirus infiziert. Viele wurden isoliert oder umverteilt, was eine Herausforderung für alle Beteiligten darstellt. Ich denke, dass man hier sehenden Auges in eine kritische Situation geraten ist. Man hätte für die Flüchtlinge kreativere, koordiniertere und vor allem individuellere Lösungen finden müssen, indem man zur Vorbeugung eines Corona-Ausbruchs in einer Flüchtlingsunterkunf zum Beispiel zeitweise leerstehende Hotels zur Unterbringung mietet.

Es ist entscheidend, dass auch bei den Flüchtlingen jedes Schicksal und jede Familie betrachtet wird: Wie sind die Bedarfe? Was kann man tun, um diese schutzbedürftigen Menschen bestmöglich zu schützen? Schließlich ist die Gesundheit aller Menschen wichtig. In Zeiten von Corona ist humanes und rechtlich korrektes Handeln unabdingbar, denn es gilt weiterhin „Gleiches Recht für alle“.

Wollsammelaktion (c) Ingeborg Heck-Böckler

Inwiefern wird es die Zukunft Ihrer Arbeit (-sweise) beeinflussen?

Wir möchten auch jetzt und in Zukunft unseren Themen und Anliegen in der Öffentlichkeit Gehör verschaffen. So arbeiten wir auch unter erschwerten Bedingungen weiter. Besonders wichtig ist uns die Zuverlässigkeit in der Ansprechbar- und Erreichbarkeit. Schließlich nehmen Menschen oft aus der Not heraus Kontakt zu einer Menschenrechtsorganisation auf.

Des Weiteren werden wir weiterhin offen sein und nach Lösungen suchen. Ich denke, dass wir zukünftig die Menschen auch über andere Möglichkeiten und Sinne erreichen möchten.

 

Das klingt nach einem spannenden Projekt. Wie wollen Sie das umsetzen?

Zum Beispiel, indem man eine Ausstellung zu verschwundenen Menschen in Mexiko, die demnächst in der City Kirche in Aachen zu sehen sein wird, ohne offizielle Ausstellungseröffnung den Zuschauerinnen und Zuschauern erfahrbar macht. Oder indem man im Internet andere Formen der kreativen Öffentlichkeitsarbeit – Stichwort „Webinare“, „Online-Demos“ oder „Lied zur Corona-Krise“ – ausprobiert. In diesem Zusammenhang bekommt das Internet in unserem Arbeitskontext eine ganz neue Bedeutung: Es ist hilfreich zur Kontaktaufnahme und es wird von uns immer mehr für Aktionen und Aktivitäten verwendet, da die Menschen zurzeit mehr Zeit am Computer verbringen.

Um ein weiteres Beispiel zu nennen, was wir bereits umgesetzt haben: Zum Muttertag wollten wir auf das Schicksal der siebenfachen Mutter Prudence Amoussou aus Benin aufmerksam zu machen. Sie wurde während einer Demonstration am 1. Mai 2019 angeschossen und starb später. Die Ursache ihres Todes ist ungeklärt. Die Familie verlangt eine Autopsie. Wir haben die Bitte um Unterstützung der Familie von Prudence Amoussou und der Forderung nach Gerechtigkeit mit dem Lied "De tí", das Juan Pablo Raimundo für seine Mutter in El Salvador geschrieben hat verbunden. Trotz widriger Umstände hat sie den Glauben an das Leben und ihren Mut nie verloren und ist für ihn ein großes Vorbild. Er widmete das Lied zum Muttertag allen Müttern dieser Welt und besonders den Frauen und Müttern, die sich für ihre Rechte mutig engagieren."

Hier der Link zu der Facebookseite und dem Lied:

Plakat

Sehen Sie auch eine Chance in der Krise?

Da das Internet immer mehr an Bedeutung gewinnt, machen auch wir bei Amnesty uns zur Digitalisierung, aber auch zum Datenschutz und zur Sicherheit im Netz immer mehr Gedanken. Es ist mittlerweile notwendig geworden, an vielen Stellen kritisch drauf zu schauen, auch was den Datenschutz von Flüchtlingen angeht. Wir in der Fachkommission Asyl erarbeiten daher derzeitig ein entsprechendes Konzept.

Ich persönlich sehe in der Krise eine Chance in der Entschleunigung. Ich arbeite konzentrierter und empfinde mein Schaffen teilweise als qualitativ besser. Ich achte mehr auf mich selbst. In diesen Zeiten ist es meiner Meinung nach noch wichtiger sich dafür einzusetzen, dass es keine Menschen erster, zweiter, dritter oder vierter Klasse gibt. Unsere Gesellschaft sollte solidarisch handeln. Menschenrechte gelten für alle und jeden, sie sind nicht teilbar, sondern universell. Jede und jeder hat ein Recht auf Bildung und Gesundheit und es darf kein Platz für Diskriminierung sein.

 

Vielen Dank für die Beantwortung der Fragen und weiterhin alles Gute.

Dozentin Dr. Laura Büttgen (c) Laura Büttgen

Das Interview führte Frau Dr. Laura Büttgen, Dozentin im Bereich Kultur und Gesellschaft der Bischöflichen Akademie des Bistums Aachen.