Stellungnahme der Berufsgruppe der Pastoralreferent/innen und -assistent/innen im Bistum Aachen

zur Veröffentlichung des Gutachtens "Sexueller Missbrauch Minderjähriger durch Kleriker im Bereich des Bistums Aachen" und zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs im Bistum Aachen

Wir begrüßen die Veröffentlichung des Gutachtens der Kanzlei Westpfahl – Spilker – Wastl. Damit ist ein wichtiger Schritt für eine unabhängige Aufarbeitung geschehen, welche wir für richtig und wichtig halten. Wir unterstützen den von Bischof Dieser geforderten Perspektivenwechsel weg von Institutions- und Täterschutz hin zu den Betroffenen von sexuellem Missbrauch. Wir erklären unsere Bereitschaft, an der Aufarbeitung aktiv mitzuwirken und uns für die Wahrnehmung und Anerkennung des geschehenen Leides einzusetzen. Besondere Beachtung verdienen unserer Meinung nach die Empfehlungen des Gutachtens. Sie bieten das Potenzial für eine zukunftsweisende Weiterentwicklung der Aufarbeitung im Bistum Aachen und beinhalten Impulse für die Bischofskonferenz und den Synodalen Weg.

Die Veröffentlichung des Gutachtens, die Pressekonferenz am 16. November 2020 und die begleitende Anzeigenkampagne haben eine große Bandbreite an unterschiedlichen Reaktionen im Bistum und auch bei uns Pastoralreferent/innen und -assistent/innen hervorgerufen. Dabei besteht aus unserer Sicht die Gefahr, dass die Betrachtung der Probleme und Herausforderungen zu binnenkirchlich erfolgt und die Diskussion gerade nicht aus der Perspektive der Betroffenen geführt wird. Daher glauben wir, dass folgende Leitfragen gestellt werden müssten:

  • Was hindert uns persönlich und das kirchliche System daran, sich auf die Betroffenenperspektive einzulassen?

  • Wo gibt es (aus Perspektive der Betroffenen) innerkirchliche Strukturen und Kulturen, die eine Aufarbeitung erschweren oder behindern?

  • Wo gibt es (aus Perspektive der Betroffenen) innerkirchliche Strukturen und Kulturen, die eine wirksame Prävention erschweren und behindern oder Missbrauch begünstigen?

Für die weitere Aufarbeitung im Bistum wünschen wir uns daher:

  • dass die Empfehlungen des Gutachtens Beachtung finden. Als besonders wichtig erachten wir z. B. den Kontakt kirchlicher Verantwortungsträger mit Geschädigten, die Bildung von spezialisierten Gerichtshöfen auf überdiözesaner Ebene sowie die Stärkung der Verfahrens- und Beteiligungsrechte von Betroffenen

  • eine offene und wertschätzende Kommunikation auf allen Ebenen

  • eine unabhängige Aufarbeitung durch die Einrichtung einer „Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs“ auf der Ebene der Diözese und eines Betroffenenbeirates. Die Unabhängigkeit beider Gremien muss rechtlich gesichert sein

  • dass in die weitere Aufarbeitung neben der rechtlichen Beurteilung sexuellen Missbrauchs im Bereich des Bistums Aachen auch weitere Fachexpertise (z. B. Psychologie) hinzugezogen und berücksichtigt wird

  • einen Zeit- und Maßnahmenplan, der mess- und überprüfbare Ziele zur Umsetzung beinhaltet (vgl. Stellungnahme des Diözesanrates der Katholiken)

  • dass die Geschehnisse rund um sexuellen Missbrauchs im Bistum Aachen nicht nur auf Priester und Diakone hin aufgearbeitet werden, sondern alle Berufsgruppen in den Blick genommen werden

Wir möchten uns als Berufsgruppe von der Aufarbeitung nicht ausnehmen. Wir sind weiterhin bereit, kritisch zu fragen, wo wir selbst anders hätten handeln können oder müssen, um sexuellen Missbrauch zu verhindern oder aufzudecken.

Die vorliegende Stellungnahme wurde schriftlich per Email von der Berufsgruppe beschlossen.

Aachen, 09. Dezember 2020