Österliches Vaterunser

Impuls für Mai von Sr. Christiana Reemts OSB, Abtei Mariendonk

Sr. Dr. Christiana Reemts OSB  3 (c) privat
Sr. Dr. Christiana Reemts OSB 3
Di 23. Apr 2019
Ordensbüro

Das Vaterunser beginnt bei Gott und führt bis in die Tiefe unserer menschlichen Existenz. Im Jesusbuch von Papst Benedikt fand ich die Anregung, das Vaterunser auch einmal umgekehrt zu beten, eine Idee, die mir zusagte, denn tatsächlich führt unser Weg ja eher von unten nach oben: aus der Erfahrung von Leid und Schuld in Gottes Frieden.

 

Österliches Vaterunser

 

Rette uns vor dem Bösen

und führe uns nicht in Versuchung.

Erlass uns unsere Schuld, wie auch wir denen vergeben haben, die uns etwas schuldig geblieben sind!

Gib uns heute das Brot, das wir brauchen!

Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf der Erde.

Dein Reich komme.

Geheiligt werde dein Name.

Im Himmel - du, unser Vater.

 

Die Geschichte Israels, die Vorbild auch für unser Leben ist, kann auf diese Weise neu mit dem Vaterunser gelesen werden. Am Anfang steht Ägypten, die Gottferne, die Sklaverei durch den Pharao, der Urbild alles Bösen ist. Von ihm wird gesagt, dass er das Volk so sehr mit Arbeit belädt, dass sie nicht mehr an Gott denken, ein sehr aktueller Gedanke, denn auch heute verdrängt unser dauerndes mit allem Möglichen Beschäftigt-Sein oft Muße, Besinnung und Gebet.

In dieser Situation besteht die Versuchung, bei dem mitzumachen, was alle tun. Doch der Weg führt hinaus aus Ägypten in die Wüste, er führt in die Versuchung und zum Kampf gegen die Versuchungen, es ist ein Weg, auf dem wir lernen sollen, einander zu lieben und einander zu vergeben.

Gott schenkt uns auf diesem Weg das Brot vom Himmel, die Eucharistie, in der wir immer wieder mit Jesus verbunden werden. Trotzdem ist unser Leben in der Wüste dieser Zeit oft schwer. Wir sind durch Jesus erlöst, aber noch nicht im Himmel, wir verstehen oft nicht, was eigentlich Gottes Wille ist - für uns, für unsere Kirche, für unsere Welt.

Bitten wir daher in dieser Osterzeit, dass sein Reich kommen möge, das Reich in dem sein Name, d.h. er selbst, wirklich der Maß­stab ist. Genau das wird „Himmel“ sein. Dann werden wir wirklich mit Jesus „Vater“ sagen können, nicht „mein Vater“, sondern „unser Vater“, weil wir gelernt haben, einander als Schwestern und Brüder zu lieben.

Sr. Christiana Reemts OSB