Endlich mal ein Tag für mich

Ein Oasentag im Kloster der Franziskus-Schwestern in Krefeld

Klostergarten Franziskus-Schwestern KR (c) Ann-Katrin Roscheck
Klostergarten Franziskus-Schwestern KR
Di 6. Aug 2019
Ordensbüro

Ann-Katrin Roscheck, Kirchenzeitung Nr. 29, 2019

Der Wecker schrillt laut. Ein Mal, zwei Mal, beim dritten Mal reagieren meine Hände. Der Ton verstummt. Noch zwei Minuten gönne ich mir, liegenzubleiben, dann startet mein Tag: duschen, Haare kämmen, Zähne putzen. Frühstücken, dabei die ersten Mails checken und dann ins Auto. Interviews, dazwischen weitere Telefonate, Mails beantworten, Artikel schreiben. Wenn es gut läuft, um acht Uhr abends zum Sport und auf ein schnelles Abendessen mit dem Partner. Zähne putzen, ab ins Bett. Jeden Tag folge ich dem gleichen Rhythmus, bis das Wochenende kommt.

Mein Leben ist zu schnell. Genau wie das von so vielen Frauen und Männern im Bistum. Wir arbeiten, wir leben ein bisschen, stressen uns sogar in unserer Freizeit von Termin zu Termin und dann, am nächsten Tag, spulen wir den gleichen Ablauf erneut ab. „Der liebe Gott meint

es gut mit uns, aber oft geben wir ihm gar keinen Raum, zu uns zu sprechen“, ist sich Schwester Alfonsa Fischer als Generaloberin der Franziskus-Schwestern in Krefeld sicher. „Wir lassen ihn nicht ausreden und hören weder auf ihn noch auf uns. Davon müssen wir weg.“ Unsere Körperpflege ist in der Morgenroutine selbstverständlich, unsere Seelenhygiene lassen wir dagegen fast vollständig aus: Sie gilt als Luxusgut.

Die Krefelder Franziskus-Schwestern haben ein Angebot geschaffen, das helfen soll, sich wieder auf sich und auf Gotteswort zu konzentrieren. Der Oasentag im Kloster ist „ein Tag für mich“, beschreibt die Oberin: „Er gibt Zeit für Stille, Raum, um nachzudenken und zuzulassen. Sowohl negative Gefühle, vergangene Erlebnisse als auch Herausforderungen.“ Dabei allgegenwärtig, verspricht die Schwester, der Herr selbst: „Es ist nicht das Kloster, das auf uns wirkt, sondern der liebe Gott, dem wir Anbetung schenken. Wer sich darauf einlässt, wird ihn spüren.“

Auch ich als chronisch gestresste Redakteurin möchte meine Antennen wieder reinigen: Ich möchte hören, was mein Körper zu mir sagt, möchte offen dafür sein, Gottes Worte zu empfangen, und möchte meiner Seele das schenken, was sie verdient: zuverlässige Pflege. Es ist ein Mittwoch, an dem ich zum Oasentag im Mutterhaus der Schwestern am Jungfernweg in Krefeld an die Türe klopfe. Schon an der Pforte entscheide ich mich, mein Mobiltelefon für heute auszustellen. Ich möchte, dass der Tag hier im Kloster nur mir gehört.

Brigitte Glander empfängt mich und zeigt mir die Räumlichkeiten. Auf drei Etagen haben die Franziskus-Schwestern, die in diesem Jahr 100-jähriges Bestehen feiern, ein Zuhause für sich und andere geschaffen. Früher wurde es durch die Schwesternschaft als Pflegeheim unterhalten, heute beginnt der Tag im Haus nach dem Morgengebet mit einem kostenfreien Frühstück für Bedürftige. Gleichzeitig ist das Gebäude Anlaufstelle für Tagungen, Fortbildungen, Klostertage sowie Glaubensseminare. Brigitte Glander lebt erst seit Kurzem mit den Schwestern zusammen: Mehr als 20 Jahre war sie Mitglied im dritten Orden, aber erst im letzten Jahr fühlte sie sich zur Schwesternschaft hingezogen. Im April zog sie ein und

unterstützt seitdem die Gemeinschaft.

Einem einfachen Lebensstil verpflichtet

Auf der dritten Etage zeigt sie mir mein Zimmer für den heutigen Tag. Der Schlüssel mit der Nummer „323“ öffnet meinen Rückzugsort: Hier steht ein gemütliches Bett, ein Tisch und ein Schrank. Ein Kreuz an der Wand rundet das Bild ab. Die Franziskus-Schwestern haben sich

einem Dasein in einem einfachen Lebensstil verpflichtet, in dem Freiheit von materiellen Gütern und das Leben in der Geschwisterlichkeit wichtig sind.

Dieses Versprechen kommt auch in meinem Zimmer zum Ausdruck. Mir tut das gut, denn es lenkt den Blick auf das Wesentliche, das für heute ich selbst sein soll.

Gleich gegenüber befindet sich die „Klara Kapelle“. In einem Giebelzimmer eingefasst stehen Bänke vor einem wunderschönen Kreuz. Ein Buch ist aufgeschlagen und legt für jede Woche einen christlichen Impuls offen. Hier verbringe ich meinen Einstieg in den Tag. Nieder-gelassen auf einer Bank höre ich ganz bewusst die Geräusche, die mich umgeben: Vögel singen, ein Auto fährt vorbei und die Schulkinder nebenan genießen ihre Pause. Eine leichte Brise weht durch die Dachfenster in die besondere Kapelle, sie riecht nach frischen Blumen, nach Sommer, nach Entspannung. Bewusst entscheide ich mich, nicht am angebotenen Rosenkranzgebet teilzunehmen. Für mich, hier in der Stille, spreche ich meine eigenen Gebete.

Um 12.15 Uhr gibt es Mittagessen. Klein ist der Konvent der Franziskus-Schwestern geworden. Nur noch fünf Frauen gehören zum Haus. Unterstützt werden sie nicht nur von Mitarbeitern, sondern auch von Ehrenamtlichen. Wer sich im Haus aufhält, ist zum gemeinsamen Essen willkommen. Peter Wefters sitzt neben mir, er gehört zum TAU-Apostolat und ist mehrmals in der Woche hier, um den Schwestern zu helfen. Heute steht Gartenarbeit auf dem Plan. Wefters lädt mich zur Nacht-Anbetung ein. An

jedem ersten Donnerstag im Monat verwandelt sich die Kapelle der Schwestern in eine Eucharistie-Feier mit anschließender Lobpreisung und Danksagung sowie der Ölbergstunde um 22 Uhr. Bis Mitternacht wird die Feier von Musik begleitet, anschließend folgt ein Gebet in Stille. Für Wefters gehört die Messe zum monatlichen Highlight. „Wir freuen uns, wenn Männer und Frauen vom Oasentag so inspiriert sind, dass sie weitere Angebote in unserem Haus wahrnehmen“, erzählt er. „Die Unterschiedlichkeit der Menschen ist das, was die Gemeinschaft ausmacht.“

Und diese Unterschiedlichkeit fällt auf: Es gibt nur wenige Berufstätige, die sich unter der Woche die Auszeit im Kloster gönnen. Zum Publikum gehört zum Beispiel ein Freundinnenduo, das einmal im Monat die Franziskus-Schwestern besucht. Auch eingebundene Geschäftsmänner kommen immer wieder, um für ein paar Tage, dann im Rahmen der „Klostertage“ mit Übernachtung, die Akkus auf-zuladen. Diese Klostertage bieten die Schwestern auch am Wochenende an. „Auch unter der Woche stehen wir für Gespräche bereit“, sagt Schwester Alfonsa. „Mehr Zeit haben wir aber samstags und sonntags.“

Ein Gespräch führen möchte ich heute nicht. Nach dem Mittagessen ziehe ich mich in den Klostergarten zurück. Fast mitten in der Krefelder Innenstadt gelegen, nehmen die hohen Gebäudemauern, die den Garten umgeben, vollständig den Straßenlärm und die Hektik des Alltags. Die „Oase“ entfaltet ihren Charme: Kleine Brunnen plätschern, verteilte Tischgruppen bieten die Möglichkeit, sich zurückzuziehen, und unterschiedliche Schutz-patrone halten die Hände über die Besucher.

Ich nutze die Zeit für mich, um einige Briefe zu schreiben, die ich aufgrund von Zeitmangel schon lange aufgeschoben habe. Während mir die Sonne auf den Rücken scheint, verfliegt die Zeit im Nu. Ich bin erstaunt, als sich der Zeiger auf meiner Armbanduhr in Richtung der Fünf schiebt und damit mein Oasentag dem Ende zuschreitet. Als ich nach nur sieben Stunden das Kloster wieder verlasse, habe ich das Gefühl, auf harte Realität zu treffen, die behutsam und fast im Geheimen durch das dreistöckige Gebäude von mir ferngehalten wurde. Ich nehme mir vor, heute Abend nicht nur meine Zähne zu putzen, sondern zukünftig auch meiner Seele mehr Zeit zu schenken, sich zu reinigen, sich zu pflegen und sich für die Spiritualität zu öffnen, die auch in meinem Leben allgegenwärtig sein kann.

Weitere Informationen zum Oasentag finden Sie im Internet: www.franziskus-krefeld.de

Fotorechte. Ann-Katrin Roscheck