Eine Bank, der ein Platz fehlt ...

Ein Möbel mit klarer Botschaft

KiZ Maria Lind Kein Platz für Ausgrenzung (c) Matthias Jung
KiZ Maria Lind Kein Platz für Ausgrenzung
Datum:
Do. 28. Jan. 2021
Von:
Ordensbüro

Aus der Kirchenzeitung für das Bistum Aachen vom 17.01.2021:

Von Garnet Manecke

Kein Platz für Ausgrenzung!

Aus der Werkstatt der Lebenshilfe Heinsberg kommt ein Möbel mit einer klaren Botschaft

Eine Bank, der ein Platz fehlt:Was auf den ersten Blick wie ein Konstruktionsfehler aussieht, ist ein unmissverständliches Statement. „Kein Platz für Ausgrenzung!“, ruft das ungewöhnliche Möbel den Passanten zu. Das Möbel wird von Menschen mit einer psychischen Beeinträchtigung gebaut. Der Kölner Fotograf Matthias Jung tourte damit durch die Region Heinsberg, um unterschiedliche Menschen darauf zu fotografieren. Das Ergebnis wird nach dem Lockdown in einer Ausstellung präsentiert.

KiZ Kein Platz für Ausgrenzung 2 (c) Matthias Jung
KiZ Kein Platz für Ausgrenzung 2

Die Sitzfläche ist etwas zu kurz gekommen. Die Rückenlehne der Bank ragt einige Zentimeter über die Länge der Sitzfläche hinaus. „Kein Platz für Ausgrenzung!“ ist da in schwarzen Lettern eingefräst. Je nach Blickwinkel befindet sich der Platz, der keiner ist, rechts oder link saußen. „Wir erleben Ausgrenzung in unserer Gesellschaft auf vielfältige Weise, nicht nur am rechten Rand“, sagt Georg Kohlen von der Lebenshilfe Heinsberg. Er ist für das Projekt „Kultur ohne Barrieren“ verantwortlich, das die Aktion Mensch fördert. In diesem Rahmen entstand die Idee, die Bank mit Botschaft zu bauen.

„Ausgrenzung beginnt im Alltag“, sagt Kohlen. „Menschen definieren sich häufig durch Abgrenzung von anderen. Aussagen wie ,So wie der will ich nicht leben‘ oder ,Der ist doch nicht normal‘ hat fast jeder von uns schon einmal gedacht oder ausgesprochen.“ Mit der Bank soll für den feinen Grad zwischen individueller Abgrenzung und mitmenschlicher Ausgrenzung sensibilisiert werden. Laut einer Studie der Anti-Diskriminierungsstelle aus dem Jahr 2016 habe jede dritte Person in Deutschland schon einmal Ausgrenzung erlebt. Die Gründe sind vielfältig: Krankheit, Behinderung oder Armut, Obdachlosigkeit, sexuelle Orientierung, Religion oder Hautfarbe. Ausgrenzung kann schon früh beginnen. Das Kind, das in Kindergarten oder Schule nicht mitspielen darf, ist dafür ein Beispiel.

Mit der Parkbank soll ein weit sichtbares Zeichen gesetzt werden. Die Bank aus wetterfestem geöltem Lärchenholz wird in den Werkstätten der Lebenshilfe Heinsberg gefertigt. Das Team produzierte eine erste Kleinserie von 20 Stück, die an Schulen im Kreis Heinsberg aufgestellt werden. Die ersten sind bereits ausgeliefert, die Nachfrage ist groß. Finanziert wird die Produktion vom Kreis Heinsberg und dem Landesförderprojekt „NRWeltoffen“. An den Schulen sollen die Bänke die Mädchen und Jungen für das Thema sensibilisieren, zur Diskussion anregen und fächerübergreifend im Unterricht eingesetzt werden, ergänzt mit entsprechendem Unterrichtsmaterial. Auch der aktive Austausch zwischen Schülern ohne Behinderung und Menschen mit Behinderungen soll mit Hilfe der Bänke gefördert werden. Fragestellungen, warum Menschen ausgegrenzt werden, wie Vorurteile entstehen, wodurch sich Menschen ausgegrenzt fühlen oder wie Integration gegen Ausgrenzung wirkt, sollen dabei diskutiert werden.

Eine Ausstellung und ein Bildband mit dem ungewöhnlichen Stadtmöbel entstehen

Neben den Schulen erhalten die zehn Kommunen im Kreis Heinsberg kostenlos eine Bank, die sie öffentlich aufstellen sollen. Passanten können sie nutzen, um sich auszuruhen oder auch ein Foto mit dem ungewöhnlichen Stadtmöbel zu machen. So wie der Kölner Fotograf Matthias Jung, der für eine Ausstellung und einen begleitenden Bildband Menschen mit und ohne Behinderung bat, auf der Bank für ein Foto Platz zu nehmen.

Eduard Maier und Jens Sökefeld haben gleich zweifach an dem Bank-Projekt teilgenommen. Als Models haben sie sich in der Lebenshilfe-Werkstatt „Dein Werk“ auf ihrer Bank ablichten lassen. Als Werkstatt-Mitarbeiter haben sie die Bänke, mit denen der Fotograf durchs Heinsberger Land getourt ist, selbst gebaut. Wie Maier und Sökefeld nahmen Frauen, Männer und Kinder aus dem gesamten Kreis Heinsberg für den Fotografen auf der Bank Platz.

„Wer in der Klausur eines Klosters lebt, so wie wir, macht sein Herz weit offen für die ganze Welt, oder er ist am falschen Platz“, sagen Schwester Gabriel und Schwester Theresia vom Klarissenkloster Maria Lind in Braunsrath und stellten die Bank in der Klosterkirche auf. Was Ausgrenzung bedeutet, haben die Heinsberger im vergangenen Jahr zu Beginn der Pandemie selbst erlebt. Weil der erste Corona-Patient in Nordrhein-Westfalen aus Gangelt kam, wurde der kleine Ort im Westen über Nacht zum Corona-Hotspot – und die Bewohner des Kreises Heinsberg als „Virenträger“ gebrandmarkt.

Landrat Stephan Pusch wurde durch seine Auftritte in Talkshows landesweit bekannt mit dem Zitat, dass es schon ein wichtiges Medikament gegen die Krise gäbe: „Das Medikament heißt Solidarität und nicht Ausgrenzung.“ Das Zitat wird in dem Bildband, der in den kommenden Wochen herauskommt, neben Puschs Porträt stehen.

www.lebenshilfe-heinsberg.de