Aus der KirchenZeitung: Räume zum Dialog öffnen

Inge Kleutgens zeigt am Beispiel Kolumbien auf, wie Theater helfen kann, Gewalt und Verlust zu bewältigen

Theater aus Kolumbien (c) Inge Kleutgens
Theater aus Kolumbien
Do 31. Okt 2019
KirchenZeitung Aachen, Ausgabe 44/2019 | Von Andrea Thomas

Um traumatische Erlebnisse verarbeiten und wieder heilen zu können, brauchen Menschen ein „Ventil“. Theater kann ein solches sein. Inge Kleutgens hat in Kolumbien 17 Jahre mit Opfern der Gewalt durch Armee, Paramilitär und Guerilla-Gruppen gearbeitet, sie in den Techniken des Theaters ausgebildet und ihnen Wege zurück ins Leben eröffnet.

Die Theaterpädagogin hat mit dem zivilen Friedensdienst der Bundesregierung Projekte unter anderem in der Region Chocó und in Medellín entwickelt. Kooperationspartner vor Ort waren dabei Kirchengemeinden, Vertreter der Opferverbände und Mitarbeiter (Sozialarbeiter, Soziologen) der Fachhochschule in Antioquia. Ihr Ansatz: In kleinen Teams mit den Menschen vor Ort die Themen, die sie bewegen, in szenischer Form bearbeiten, um auszudrücken, wofür ihnen die Worte fehlen. „Aus Teilnehmern werden Dozenten, die ihre Erfahrungen und das Gelernte in kleinen Gruppen weitergeben und es so multiplizieren“, erläutert sie. Auf Einladung des Diözesanrates der Katholiken hat sie vor Kurzem unter der Fragestellung „Kann Theater heilen?“ von ihrer Arbeit berichtet. „Heilen“ bedeute, dass etwas kaputt sei und man versuche, es zusammenzusetzen. Doch es sei wie mit der zerbrochenen Vase, die nie mehr werde, wie sie war. „Sie ist anders, aber wieder da und kann schön sein.“ So sei es auch mit Menschen. Gelinge es, Erlebtes mittels Kunst zu transformieren und eine ästhetische Form zu finden, könne aus dem Prozess der Vernarbung ein Zugewinn an Persönlichkeit entstehen. „Narben“ ist eines der Themen, das sie mit den Teilnehmern eines Projektes aufgriff. Wie können Menschen mit Mord, Gewalt, Folter, Vergewaltigung, Vertreibung und dem Verschwinden nahestehender Menschen umgehen? „Wir versuchen neue Räume zu öffnen zum Dialog. Ausgangspunkt ist, sich dem Elend zu stellen, aber mit anderen und in einem geschützten Raum“, sagt Inge Kleutgens. Sie seien keine Therapeuten, aber sie hätten im Team viel Erfahrung aus der Theaterarbeit, um die Auseinandersetzung zu steuern. So entstehe ein Weg, auf dem die Betroffenen weitergehen könnten. Narben bleiben, seien Teil von uns, aber indem wir sie bewusst ansähen, könnten wir sie ins Leben integrieren. Nur so werde für die Menschen in Kolumbien Erneuerung möglich – persönlich, aber auch politisch.

Form und Inhalt sind nicht trennbar
Dazu gehört, dass die Gruppen, was sie erarbeitet haben, öffentlich machen, über Aufführungen an Gedenktagen oder wie in Medellín, wo sie auf Plätze und in Parks gegangen und ihre Szenen vor Passanten gespielt haben. „Überall wird man kontrolliert von Polizei und privaten Sicherheitsleuten. Deshalb sind wir bewusst in den öffentlichen Raum gegangen. Form und Inhalt sind nicht trennbar. Das ist, was Kunst kann“, fasst Kleutgens zusammen. So werden Menschen „sichtbar“, seien es Mädchen, die auf der Straße arbeiten, Frauen, die Gewalt erlebt haben, Menschen auf dem Land oder der indigenen und farbigen Bevölkerung. Über die Theaterarbeit können so Brücken entstehen – auch zwischen Opfern und Tätern.