Abenteuer Kolumbien

Herausforderungen und Hoffnungszeichen bei einer Reise durchs Partnerland des Bistums Aachen

Kolumbien (c) Thomas Hohenschue
Kolumbien
Di., 7. Aug. 2018
Thomas Hohenschue
Der Flieger in Frankfurt hebt ab. Die Lufthansa hatte überbucht. Trotzdem sind alle Mitglieder der Delegation an Bord. Elf Stunden Flug stehen an. Nicht meine erste Fernreise. Die USA habe ich schon drei Mal besucht, unvergesslich, eindrucksvoll, auch zwiespältig in mancher Hinsicht.
Kolumbien (c) Thomas Hohenschue
Kolumbien

Aber Kolumbien, das Partnerland des Bistums Aachen? Ist ein ganz anderes Abenteuer. Ich habe es geahnt, aber wie es sich anfühlt, dringt erst vor Ort ans Tageslicht.

Zunächst ist es zwar dunkel, als wir in Kolumbien landen, konkret in der Hauptstadt Bogotá. Aber die ersten Eindrücke zementieren, zumindest bei mir, bereits ein Gefühl, das mich zwei Wochen lang nicht loslässt. Wir fahren vom modernen Flughafen durch eine Stadt, deren Bild von hohen Mauern, Zäunen, Stacheldraht, von Wachhäuschen, Wachtürmen und Wachleuten geprägt ist. Die Häuser sind fast allesamt massiv vergittert, zumindest bis zum ersten Obergeschoss, häufig auch bis zum zweiten.

Das Gefühl, das sich einstellt: Hier ist es nicht besonders sicher. Medienberichte und die lange Liste von Warnungen des Auswärtigen Amtes haben einen zwar schon darauf eingestimmt. Aber es bleibt eine akademische Trockenübung, wenn man nicht selbst sieht, wie sich eine prekäre Sicherheitslage vor Ort auswirkt. Nun also ist es konkret, erst mal nur äußerlich, aber viele kleine Begebenheiten in den folgenden zwei Wochen untermauern, dass der erste Eindruck trägt.

Das Besuchsprogramm führt mich im Wesentlichen durch ein Kolumbien, das unter den Folgen jahrzehntelangen Bürgerkriegs, von Vertreibung und Flucht, von extremer sozialer Ungleichheit leidet. Die Bevölkerung Bogotás hat sich in 30 Jahren auf acht Millionen Menschen verdoppelt, weitere acht Millionen leben im näheren Umfeld. Ein großer Teil haust in armen und ärmlichsten Verhältnissen, in einfachen Häusern oder gar Baracken, Bruchbuden, Wellblechhütten. Vielerorts in diesem Moloch fehlt es an einer soliden Infrastruktur.

Das alles wahrzunehmen als eine Wirklichkeit, in der Millionen Menschen allein in einer einzigen Stadt leben: Das fordert einen heraus. Da kommt man zuerst mal kaum mit klar. Zumal auch im Norden Bogotás und in den grünen Hängen, die diese Bergstadt auf 2600 Meter Höhe umsäumen, ein gepflegter Wohlstand sichtbar ist, der im krassen Widerspruch zum Massenelend in der Ebene der Metropole steht. Deren Dimensionen sind kaum zu erfassen: Bebaut ist eine Fläche, die von Aachen nach Köln reicht und auch in der Breitenausdehnung riesig ist.

Auch wir als Reisegruppe sind privilegiert. Wir bekommen eigene Busse gestellt, mit eigenen Fahrern. Wir übernachten in sicheren, sauberen Unterkünften, werden gastlich bewirtet. Es fließt überall Wasser aus den Hähnen, meist auch warmes. Trinken soll man es aus hygienischen Gründen zwar nicht, aber waschen kann man sich damit. Höchstens am

WLAN lässt sich zuweilen mäkeln. Angesichts der Not der Menschen im Umfeld verstrickt man sich schnell in die Widersprüche, in denen man als wohlhabender Westeuropäer lebt. Wo es an ordentlicher Schulbildung, an ärztlicher Versorgung und an demokratischer Teilhabe mangelt, haben wir Probleme, die eigentlich keine sind. Vielleicht ist es ein Zeichen, dass mancher von uns an Grenzen stößt, das Ganze hier in Kolumbien zu verarbeiten und zu verkraften? In einer verunsichernden Situation hält man sich an dem fest, was man kennt und schätzt.

Allmählich schälen sich aus dem Gesamteindruck auch Konturen eines Kolumbiens heraus, das man einfach gern haben muss oder gar lieben lernen kann. Die wunderschöne Landschaft jenseits der Hauptstadt ist das eine. Die Gastfreundschaft der Kolumbianer, die wir besuchen, das andere. Sie ist umwerfend. Aus dem Gefühl der Sättigung kommt man dank all der Zwischenmahlzeiten, der frischen Früchte und Säfte, köstlicher Frühstücke, Mittag- und Abendessen kaum heraus. In vielen Situationen blitzen Humor und Lebensfreude bei unseren Gesprächspartnern auf, gepaart mit einer warmen Herzlichkeit. Das gilt auch für die Frauen und Männer, die unter wirklich harten Bedingungen leben und arbeiten, zum Teil unter Einsatz ihres Lebens.

Und das ist der Teil der Reise, um den es geht. Was tut die Kirche in Kolumbien, um Wegbegleiterin der Menschen zu sein? Wie helfen Gelder und personelle Mittel aus dem Bistum Aachen dabei? Was wiederum können wir hier im reichen Deutschland von Kolumbien lernen? Das sind die Fragen, welche die Aachener Delegierten umtreiben. Aus der Partnerschaftskommission der Diözese stammen sie, sind in Hilfswerken, Vereinen und Verbänden, beim Diözesanrat der Katholiken oder beim Bistum selbst engagiert. Auch Weihbischof Johannes Bündgens stößt hinzu und absolviert seinen Antrittsbesuch als neuer Bischofsvikar für die Kolumbienpartnerschaft.

In nahezu 60 Jahren hat sich das Gesicht dieser Partnerschaft gewandelt, ist vielfältiger geworden. Nach wie vor wird die Ausbildung der Priester im Partnerland gefördert. Damit hat die Partnerschaft begonnen. Alle Männer, die heute Bischöfe sind, haben diese Unterstützung aus Aachen genossen. Bei der Reise wird sichtbar, dass auf diese Weise eine lebendige Ortskirche unterstützt wird, die den katholischen Glauben in wachsenden Gemeinschaften durch volksfromme Gottesdienste, Katechese und diakonische Dienste trägt. Die Sozialpastoral gewinnt bei der Bischofskonferenz und bei vielen der 77 Diözesen an Bedeutung. Nicht selten sind auch Priester und Ordensleute die Träger dieser Form der Sendung. Neugierig sind kolumbianische Gesprächspartner darauf, wie das Bistum Aachen den Dienst der Nächstenliebe in seine Priesterausbildung integriert.

Neben dieser Säule der Partnerschaft gibt es die sozialpastoralen Projekte und die Menschenrechtsarbeit. Hier erschließt sich den Aachener Delegierten eine weite Welt. Sie sind ein weiteres Mal herausgefordert, mit der kolumbianischen Realität zurechtzukommen.

Sie schätzen die Initiativen und Einrichtungen, mit denen sie seit zum Teil vielen Jahren Verbindung halten, zu denen sie Freiwillige entsenden, die dort ein Jahr lang Dienst leisten. Sie fremdeln mit den Initiativen und Einrichtungen, die ihnen von kolumbianischer Seite aus präsentiert werden. Mal ist ihnen der Ansatz zu paternalistisch, also von oben herab. Mal ist ihnen das private Engagement Wohlhabender suspekt, deren Professionalität in der Außendarstellung. Mal ist es ihnen viel zu sehr Einzelfallhilfe als nachhaltige Hilfe.

Mehr Fragen als Antworten

Angesichts der dramatischen Dimension der sozialen Not bin ich als Neuling versucht zu fragen: Warum nicht das eine tun und das andere nicht lassen? Warum nicht Fülle und Vielfalt von Ansätzen aushalten? Ist nicht jedes Einzelschicksal bedeutsam, nicht jeder Tropfen auf den heißen Stein wertvoll? Hat nicht, wenn man ehrlich ist, jedes soziale Engagement seinen egoistischen Anteil? Eine weitere Herausforderung, der man sich stellen muss auf einer solchen Reise: Sich mit dem eigenen Verständnis auseinandersetzen, was wirkt, was hilft, was heilt.

Auf der Reise besuchen wir Projekte, die echte Hoffnungszeichen sind: Inmitten von Elendsquartieren ermutigen sie zur Selbsthilfe. Die eigenen bürgerlichen Rechte kennenlernen, die eigenen Kräfte und Stärken schätzen und einsetzen lernen, Bildung und Beteiligung im Stadtteil organisieren – das scheint ein guter Weg zu sein, Kolumbien aus seiner desolaten Situation herauszuführen. Leider trüben mehrere Wahrnehmungen den Optimismus, der sich aus solchen Begegnungen speisen lässt. Zum einen sind Leute, die sich für die Menschenrechte anderer einsetzen, zurzeit hoch gefährdet in diesem Land. Zum anderen braucht es Abertausende solcher Projekte, um eine nachhaltige Veränderung in der kolumbianischen Gesellschaft von unten her zu gestalten. Wie lässt sich das anbahnen?

Bleibt als flankierende Strategie die Veränderung von oben. Wie entwickelt sich der kolumbianische Staat weiter? In vielen Gesprächen mit Menschenrechtsaktivisten, Bischöfen und weiteren Geistlichen erschließt sich ein Bild der aktuellen Situation. Der kolumbianische Konflikt, der so dramatische Folgen zeitigt, ist für Außenstehende kaum zu erfassen, denn er ist komplexer als alles, was wir aus der aktuellen deutschen Perspektive kennen. Das ist eine nächste Herausforderung für jeden, der sich neu auf das Terrain der Kolumbienpartnerschaft wagt.

Es gibt einen fragilen Friedensschluss mit der stärksten Guerillagruppe und Verhandlungen mit der zweitstärksten. Paramilitärische Gruppen, offiziell demobilisiert, kämpfen teilweise für die Interessen von Großgrundbesitzern und Konzernen, teilweise für eigene Interessen im Handel mit Rauschgift und anderen Rohstoffen. Die Kirche in Kolumbien verhält sich nicht einheitlich zu dem, was zu tun ist, damit nachhaltig Frieden einkehrt. Gleiches gilt für die maßgeblichen politischen Parteien. Das erzählen Frauen und Männer, die mit Gewalt und Todesdrohungen leben und sich trotzdem beharrlich für die Rechte ihrer Mitbürger einsetzen.

So kehre ich mit mehr Fragen als Antworten von diesem Abenteuer zurück. Ich habe gesehen, was Solidarität aus Aachen bewirken kann. Es gibt viele Verbindungen zu unserem Bistum, persönliche, institutionelle, und sie tragen reiche Früchte. Und doch steige ich mit einem großen Aber im Bauch in den Flieger, der mich vom lärmenden, stickigen, bedrohlichen Bogotá zurück ins beschauliche, sichere, reiche Deutschland bringt. Auf so vielen Ebenen fühle ich mich herausgefordert, neu nachzudenken – auch über unser Gemeinwesen. Nur ein Punkt: Ich schäme mich, dass wir hier nicht mit 1,5 Millionen Flüchtlingen umgehen können. Kolumbien stemmt 8 Millionen und täglich werden es mehr. Unser Europa hingegen zieht Elektrozäune und Mauern hoch – ganz wie die Wohlhabenden in den Hängen von Bogotá.

Kolumbien (c) Thomas Hohenschue
Kolumbien (c) Thomas Hohenschue
Kolumbien (c) Thomas Hohenschue
Kolumbien (c) Thomas Hohenschue
Kolumbien (c) Thomas Hohenschue
Kolumbien (c) Thomas Hohenschue
Kolumbien (c) Thomas Hohenschue
Kolumbien (c) Thomas Hohenschue
Kolumbien (c) Thomas Hohenschue