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6. Sonntag im Jahreskreis B // Psalmgebet

Datum:
Di. 9. Feb. 2021
Von:
Annette Jantzen

*Achtung Triggerwarnung*

Darf man für Täter beten? Bekommen Täter damit eine Solidarität, die ihnen nicht zusteht? Wie ist das, für Täter zu beten? 

Für Täter beten muss heißen, auch für die Überlebenden zu beten. Ein Gebet heißt nichts gut und entschuldigt nichts. Und rechnet doch damit, dass Gott auch dieser Schuld noch gewachsen ist. Oder rechnet damit, dass Gott das aushalten muss. Rechnet damit, dass wir das aushalten müssen. Dass Täter, Taten und Überlebende nicht außerhalb sind, nicht irgendwo anders, nicht getrennt von uns. Es gibt  weder „sie, die Überlebenden“ noch „sie, die Täter“, denn sowohl Überlebende als auch Täter finden sich innerhalb unserer Gemeinden. 

Wie hält eine Gemeinschaft das aus? Sexualisierte Gewalt spaltet. Spaltet Überlebende von ihrer Umgebung ab, spaltet Familien, Gemeinden, Gesellschaften. 

Kann ein Gebet das tragen? Und wer soll das Gebet hören? Was tut Gott mit der Schuld, was mit dem Täter? Gottes Erbarmen kann nicht herabgerufen werden, ohne dass die Überlebende der Schuld in den Blick kommen. Wie kann Gott dieses Gebet hören? Wenn Gott wie eine Mutter ist, dann verurteilt sie, was den Kindern schadet. Dann ist sie vor diesem Gebet wie eine Löwenmutter, die zornig verteidigt, was bedroht und verletzt wird. Kann das Erbarmen Gottes so tief reichen, dass es auch die Täter noch erreicht? 

Für Täter beten würde dann heißen, zu versuchen, sich im Gebet der wechselnden Perspektiven an ihrer Stelle an Gott zu wenden, ihre Realität vor Gott zu bringen. Auszutesten, ob die alten Gebetsworte des Psalms diese extreme Belastungsprobe aushalten. Für Täter zu beten ist vielleicht letztlich der Versuch, der sexualisierten Gewalt und ihrer spaltenden Macht nicht das letzte Wort zu lassen.

 

Psalmgebet nach Ps 32.

Zu beten für die Täter sexualisierter Gewalt.

Glücklich sind nur die, deren Schuld aufgehoben werden kann,
Deren Sünde begraben wird in Frieden.

Glücklich sind nur die, deren Verfehlungen die Ewige nicht anrechnet
Und die keine Ausflüchte mehr suchen.

Solange ich es verschweige,
zerfallen meine Knochen von meinem Jammern alle Tage.

Denn Tag und Nacht lastet schwer auf mir deine Hand,
dein Wissen um mich lässt mein Inneres abspalten und verdorren.

Ich muss meine Schuld offenlegen, meine Sünde nicht länger vertuschen
Wenn ich sage: „Ich bekenne der Ewigen meine Übertretungen!“
Trägst dann du, du selbst die Last meiner Sünde?

Alle, die noch einen Funken Aufrichtigkeit haben, sollen zu dir beten, solange noch Zeit zum Finden ist.
Dann spülen die Wellen sie vielleicht nicht fort.

Darf ich mich und meine Schuld bei dir verbergen?
Bewahrst du mich, darf ich entrinnen?

„Ich will dich einsehen lassen, dir den Weg zeigen, den du nun gehen sollst.
Ich will dir raten, ein Auge auf dich haben.

Sei nicht mehr wie ein dumpfes Wesen ohne Einsicht,
das sich ohne Zwang und Druck nicht bewegt.“

Leiden auch die Täter?
Nur wer sich anvertraut, den umgibt die Ewige mit Freundlichkeit.

Wer darf sich freuen? Wer wird jubeln?
Wessen Herz wird sich als aufrichtig erweisen? Du Ewige!

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