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33. Sonntag im Jahreskreis // Eröffnungsgebet und erste Lesung

Datum:
Fr 13. Nov 2020
Von:
Annette Jantzen

Eröffnungsgebet

Gott, du Freundin, Schwester, Retterin,
du bietest uns keine Pause von der Pandemie,
aber einen Ruhepol
eine Gelegenheit, um Kraft zu schöpfen
und einmal loslassen zu können.

So bitte ich dich:

dass du die Abstände zwischen uns mit deiner Gegenwart füllst
deinen Frieden über uns legst
uns Boden unter die Füße gibst
und Zuversicht ins Herz

dass wir hier und jetzt bei dir durchatmen und aufatmen können. Amen.

 

Zur ersten Lesung aus dem Buch der Sprichwörter, Kapitel 31, Verse 10-31

Diese Lesung ist leider in der Leseordnung gekürzt, und sie wird nicht in den Zusammenhang mit dem gesamten Buch der Sprichwörter gestellt. Im Hebräischen ist sie ein Gedicht, bei dem die Zeilen nacheinander mit den 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets beginnen. Das Gedicht schließt eine Textsammlung ab, die sich aus deutlich verschieden alten Weisheitsschulen des alten Orients speist. Ohne ihren Kontext wirkt sie wie überholtes Mansplaining, mit dem Männer definieren, wie eine gute Frau zu sein hat.

In den gesammelten Sprichworten wird aber erörtert, wie Gerechtigkeit in einer Gesellschaft funktioniert, sie setzen eine soziale Gemeinschaft voraus und sind von dieser Gemeinschaft und ihren Lebensbedingungen nicht zu trennen.

In den Aussagen über Frauen kommen Frauen im Hauptteil zwar ausschließlich als Mutter, Partnerin, Witwe und Prostituierte vor, also nie ohne Beziehung zu Männern. Sie sind Objekte, nicht Subjekte, und werden hauptsächlich im Kontext von Streit und Unfrieden erwähnt. Gerahmt wird dieser Hauptteil aber von einer Einleitung in den Kapitel 1 bis 9 und vom Kapitel 31, dem die heutige Lesung entnommen ist. Hier spielen Frauen die Hauptrolle, treten Frauen als Lehrpersonen auf und werden die "fremde Frau" und die "Frau Weisheit" als symbolische Größen vorgestellt: Hier geht es um das rechte Verständnis von Weisheit und praktischem guten Lebenswandel. Lebensklugheit steht hier gegen das bedrohliche Fremde, und zugleich wird dafür geworben, die Bedeutung der Arbeit der Frauen für die Gesellschaft anzuerkennen.

Im Schlusskapitel, der heutigen Lesung, werden reale Frauenbilder mit der symbolisierten Weisheit verbunden: Diese Frau Weisheit ist es, die für Nahrung und Erziehung der zu ihr gehörenden Menschen sorgt. Sie nimmt Züge der "Fremden" aus den ersten Kapitel auf und sorgt so für ein universales Bild der Menschheitsfamiie, in die auch das Fremde integriert wird. Die vielfältigen Handlungsmöglichkeiten von Frauen werden aufgezählt und besagen, dass die Weisheit für Menschen greifbar wird und sich in starken Frauen verwirklicht. 

Frauenunterdrückende Traditionen werden hier ergänzt, unter anderen Vorzeichen weitergeschrieben und Perspektiven auf ein weibliches Gottesbild werden freigelegt - deutlich mehr, als aus den wenigen zitierten Versen der Lesung noch erkennbar ist. 

 

Zum Weiterlesen: Christl Maier, Das Buch der Sprichwörter, in: Luise Schottroff/Marie-Theres Wacker (Hg.), Kompendium feministische Bibelauslegung, 2. Aufl. 1999, 208-220.

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