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21. Sonntag im Jahreskreis C // zur ersten Lesung

Datum:
Fr. 19. Aug. 2022
Von:
Annette Jantzen

Ich kenne ihr Tun und ihre Gedanken, ich komme, um alle fremden Völker und alle Sprachen zu versammeln. Sie werden kommen und meinen Glanz sehen. Ich werde unter ihnen ein Zeichen setzen: von denen, die entronnen sind, schicke ich zu den Völkern von Tarschisch, Pul und Lud, die den Bogen spannen, Tubal und Jawan, zu den fernen Inseln, die noch nichts von mir gehört haben, die meinen Glanz nicht gesehen haben. Sie sollen unter den fremden Völkern von meinem Glanz erzählen. Und sie werden alle eure Geschwister aus allen fremden Völkern herbringen als Weihegabe für Gott, auf Pferden und in Wagen, in Sänften, auf Maultieren und Kamelen auf meinen heiligen Berg Jerusalem, spricht Gott, wie die Kinder Israel die Weihegabe in reinen Gefäßen zum Haus Gottes bringen. Auch von ihnen werde ich welche für die Priesterschaft und für den Tempeldienst nehmen, spricht Gott.

(Buch Jesaja, Kapitel 66, Verse 18-21)

Gott, die hier spricht, ist immer noch die selbe Gottheit, die sich wenige Verse zuvor (vor sieben Wochen im Gottesdienst gelesen) im Bild der stillenden Mutter vorgestellt hat - denn ein einziger Gott-über-allem kann nicht allein in männlichen Metaphern ausgesprochen werden, eine solche Gottesrede wäre zu eng.

Gott, die ihre Kinder wiegt, trägt und stillt, sie wird zusammensammeln: Die Fremden von weither, von den Grenzen der bekannten Welt und darüber hinaus, genauso wie die Kinder Israels, und sie wird ihren Glanz aufgehen lassen über ihnen. Im Hebräischen steht hier "kavod", meist übersetzt mit "Herrlichkeit". Damit sind aber männlich-herrschaftliche Anklänge verbunden, die nicht das Bild wiedergeben, was "kavod" ausmacht. Die Erstbedeutung von "kavod" ist "Schwere, Gewicht" - was Gewicht hat, was gewichtig ist, und wem Menschen Gewicht geben. (Gedanklicher Exkurs: Ist  ein sehr schlankes Schönheitsideal für Frauen wohl Hinweis darauf, dass Frauen kein Gewicht haben sollen?) Gottes Gewichtigkeit zeigt sich in Feuer, Licht und Glanz - noch mit dem Gesicht zum Berg in einer Felsspalte stehend, legt sich der Glanz Gottes so strahlend auf Mose, dass er sein Gesicht verbergen muss, um seine Leute nach seiner Rückkehr ins Zeltlager nicht zu blenden (Buch Exodus, Kapitel 33, ab Vers 18). Es ist die Schönheit Gottes, die hier strahlt und leuchtet und die ganze Welt in Licht hüllen wird.

Und wenn diese Schönheit, dieser Glanz Gottes leuchtend aufgeht über den Menschen ohne Unterschied, dann wird es keinen Unterschied mehr geben, erst recht keinen im Bereich der Religion, keinen Ausschluss, keine Trennung. Auch aus den Fremden wird Gott Priester und Menschen für den Tempeldienst nehmen: Das ist ein revolutionärer Gedanke, wenn man bedenkt, dass beides Männern vorbehalten war und man allein über Abstammung Zugang zu Priesterschaft und Tempeldienst hatte. Der Aufgang von Gottes Glanz macht mit dieser Exklusivität Schluss - wenn die Erwählung der einen den Ausschluss der anderen bedeutet, dann hat beides an dieser Stelle ein Ende.

Und wann ereignet sich dieses "dann"? Wann geht Gottes Glanz auf über dieser Erde und ihren Menschen? Vielleicht sollte man das Ganze umdrehen. Wenn es keine Unterschiede mehr gibt, die Menschen voneinander trennen - funkelnde Vielfalt zwar, aber keine Barrieren, keine Exklusion, kein "Wir drinnen und ihr draußen" - dann wird Gottes Glanz über dieser Erde sichtbar. (Das schließt natürlich auch die Um- und Mitwelt ein - wo sie nicht mit Füßen getreten, ausgebeutet, missachtet wird, da geht Gottes Schönheit über dieser Welt auf.) Trennungen in dem Sinne, dass die Einen sich über die Anderen erheben, können danach nicht im Sinne Gottes sein. Und das gilt nicht nur für Rassismus, der offensichtlich nicht in diese Vision passt, in der Gottes lichter Glanz sich unterschiedslos über alle Menschen legt. Das gilt auch für Geschlechtertrennungen: Wo eine Kirche sich an dieser Vision ausrichtet, die im übrigen geliehen ist von den älteren jüdischen Geschwistern, da gibt es keinen exklusiven Zugang zum Heiligen und zum Gottesdienst mehr. In einer Kirche, in der Frauen und Männer wirklich gleichberechtigt sind, wird etwas vom Glanz Gottes sichtbar - ein Glanz, den jede Kirche verdeckt, die Menschen aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert. 

Wenn Gott zusammensammelt, wer sind dann die Menschen, zu trennen? Und wenn Gottesdienst bedeutet, den Glanz Gottes in dieser Welt zum Leuchten zu bringen, wie wenig Gewicht messen dann diejenigen dem Wort Gottes bei, die Frauen davon ausschließen? 

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