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17. Sonntag im Jahreskreis // Zur zweiten Lesung

Datum:
Fr 24. Jul 2020
Von:
Annette Jantzen

Der Erstgeborene unter vielen Geschwistern…

Zur Lesung aus dem Römerbrief

Der Erstgeborene von vielen Brüdern? Wer ist nah dran an Jesus? Wer muss erst für sich übersetzen “da steht Bruder, aber da könnte ich auch mit gemeint sein”? Sind einige gleicher, gar gottgleicher als andere? Das sind keine erledigten Fragen. Solange ein Teil der Menschen beim Lesen der Bibel den Eindruck hat, nicht gemeint zu sein, nicht vorzukommen und keine Stimme zu haben, ist das nicht erledigt. Es ist umso dringender nicht erledigt, weil es nicht um ein Steuerformular geht, sondern um das, was wir von Gott* glauben. Von Gott* so eng zu denken und zu glauben, verdunkelt Gottes* Dasein in unserer Welt.

Sohn Gottes, heißt es also, der Erstgeborene unter vielen Brüdern. Warum ist es nun schlüssig, hier “Geschwister” zu lesen? Das griechische Wort hyios, „Sohn“, ist üblich für ein männliches Kind, aber es kann auch Träger*innen bestimmter Rechte oder Eigenschaften meinen. Das geht daraus hervor, dass es durchaus manchmal um das Wort „männlich“ ergänzt wird. Im Plural schließt es dann auch weibliche Menschen ein. Eine Betonung des Geschlechts in der Übertragung kann das Gemeinte verzerren - wenn damit dann eine (kleinere) Gruppe von Männern angesprochen wird und nicht mehr „alle“ gemeint sind, die eigentlich gemeint sein sollten. 

Wenn im griechischen Neuen Testament von Jesus als dem Sohn Gottes gesprochen wird, dann geht es um eine enge gegenseitige Bindung, so wie es im Alten Testament von Königen Israels ausgesagt wird. Wenn man dabei nichts Verniedlichendes mit-hört, kann man Jesus auch ohne Bedeutungsverlust als „Kind Gottes“ statt als „Sohn Gottes“ bezeichnen, und der heutige Abschnitt aus dem Römerbrief lässt sich in dieser Weise umso besser verstehen: Es geht nicht um das biologische Geschlecht, weder von Jesus, noch von denen, die sich an ihm orientieren. Sondern es geht um die Gottesbeziehung und die Annahme durch Gott (siehe dazu auch: Stichwort "hyios", Bibel in gerechter Sprache

Damit er also der Erstgeborene von vielen Geschwistern sei, unübersehbar vielen, die mit Gott* verbunden sind. Damit  denen die Sätze aus dem Buch Deuteronomium gelten die der Jude Paulus beim Schreiben im Ohr hatte: „Liebevolle Gnade zeige ich den tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten.“ (Dtn 5,10) So großartig schön ist diese Zusage, dass es ein Jammer ist um jede, die diesen Text hört und sich nicht gemeint fühlen kann. Und an keiner Stelle ist hier von einer Gemeinschaft der Ungleichen die Rede, wie sie das Kirchenrecht entwirft und die jüngste vatikanische Instruktion nochmals einschärfen will.