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1. Fastensonntag B // Zum Evangelium

Datum:
Do. 18. Feb. 2021
Von:
Felicitas Hecker, Erzbistum Paderborn

In die Wüste gehen, um mitten im Leben zu sein...

In dieser Fastenzeit wollen wir wieder in unserer Gemeinde mit den kfd-Frauen einen Wortgottesdienst feiern, wie es bereits seit einigen Jahren Tradition ist. Die Besucherinnen werden darin die Bekanntschaft mit einer Frau machen, die gleich zu Beginn der Feier provoziert: Sie – offensichtlich aus reichem, aus „gutem“ Hause, mit viel Besitz und Luxus ausgestattet – wirft ihr Geld einfach weg. Wer ist diese Frau? Es ist die Heilige Melanie. Die dargestellte Szene ist symbolisch gemeint. Es geht nicht um eine historische Tatsache, in ihrer Heiligenlegende heißt es schlicht: „Melanie die Jüngere, die einer römischen Adelsfamilie entstammte, verschenkte ihr gesamtes Vermögen nach und nach an Arme, Kirchen und Klöster.“

Wieso erwähne ich heute diese Frau?
Melanie gehört zu den – oft eher unbekannten – WüstenMüttern. Das Tagesevangelium (Evangelium nach Markus, Kapitel 1, Verse 12-15) führt uns ebenfalls an diesen Ort: Jesus sucht die Wüste auf – für einen langen Zeitraum. 40 Tage verbringt er hier. Die Wüste…Warum hat dieser doch eher trostlose, ausgedorrte Platz so eine Anziehungskraft?

Um die Wüstenmütter, also diese Frauen, die sich für diesen besonderen Weg / diese spezielle Lebensform entschlossen haben, kennenzulernen, muss man in die ersten nachchristlichen Jahrhunderte eintauchen.

Mit dem Wort Wüste assoziiere ich Einsamkeit. Und genau diese scheinen die Frauen gesucht zu haben. Einsamkeit in einer positiven Ausprägung – also als Zeit, um Gott nahe zu kommen, biblische Schriften zu studieren, zu meditieren, einem Ruf zu folgen.

Was bedeutete dieser Schritt? Vermutlich zunächst einmal den Zwang zur Selbstständigkeit. Kleidung musste aus dem hergestellt werden, was da war (Tierfelle boten sich an), für die Nahrung musste ebenfalls persönlich gesorgt werden. Da Melanie aus reichen Verhältnissen stammte, wird damit für sie eine große Umgewöhnung verbunden sein. Und es wird einiges an Kopfschütteln hervorgerufen haben durch die ZeitgenossInnen: Warum verlässt du deinen sicheren Hort für dieses waghalsige Experiment? Vor allem war die Rolle der Frau in erster Linie an ihre Familie gebunden. Die Vorstellung, dass Frauen allein, für sich oder auch in Gemeinschaft mit anderen Frauen lebten, gehört nicht in den zeitlichen Kontext. Damit war natürlich auch die Gefahr verbunden, dass sie Gewalt und Missbrauch zum Opfer fielen – in ihrer ungeschützten Lebensform. Das ist die eine Seite.

Auf der anderen Seite zollte ihnen die Gesellschaft offenbar auch großen Respekt. „Die sind aber mutig!“ – mögen sich die Menschen gedacht haben. Wie die Wüstenväter galten sie deshalb ebenfalls als Ratgeberinnen und (geistliche) Begleiterinnen. Elisabeth Glotzbach formuliert es folgendermaßen: „In der Stille der Einsamkeit soll der Geist gesammelt und beruhigt werden. Eine innerliche Ausrichtung auf Gott ist ihrer Ansicht nach nur in der Abgeschiedenheit des Geistes möglich und bedarf einer langen Übung. Insofern ist sie ausgesprochen modern, wenn wir bedenken, wie zahlreich und vielfältig die Angebote an Schweigeexerzitien und Meditationen in Klöstern und Bildungshäusern heutzutage sind und auch in Anspruch genommen werden.“

Ob wir Melanie und die anderen Frauen als frühe Feministinnen bezeichnen können, mag gewagt sein. Aber zumindest können wir uns von ihrem Mut, ihrer Kraft, ihrem Leben beeindrucken lassen… Vielleicht finden wir dafür heute unsere eigenen Wüstenorte, um dann mit diesen Erfahrungen wieder mitten im Leben zu sein?

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