Jetzt etwas tun

Der Wandel in der Arbeitswelt fordert die Kirche im Bistum Aachen neu heraus

Kirche und Arbeiterschaft Nachricht (c) pixabay.com
Kirche und Arbeiterschaft Nachricht
Di 27. Feb 2018
Thomas Hohenschue
Manchmal braucht es den Blick von außen, um das wertzuschätzen, was gewachsen ist. So ein Moment offenbart sich, als Sonja Sailer-Pfister auf das schaut, was im Bistum Aachen für Menschen an den Rändern der Gesellschaft getan wird.
Kirche und Arbeiterschaft (c) pixabay.com
Kirche und Arbeiterschaft

„Sie haben hier etwas bundesweit Einmaliges“, sagt die Juniorprofessorin aus Vallendar und spricht von einem Alleinstellungsmerkmal, das die Diözese weit und breit auszeichnet. Ein wohltuender Augenblick für 80 Frauen und Männer, die aus allen Regionen des Bistums nach Herzogenrath gereist sind, um sich über die Zukunft ihres Engagements Gedanken zu machen. Von allen Seiten zerren Kräfte an dem, was sie in Jahren, teils Jahrzehnten aufgebaut haben. Die Politik spart an Förderprogrammen. Die Gesellschaft entzieht Aufmerksamkeit, weil Jubelmeldungen über den Arbeitsmarkt den Eindruck vermitteln, alles wäre in Ordnung. Und auch in der Kirche mehren sich – trotz Papst Franziskus – Stimmen, die fragen, ob es denn noch zeitgemäß sei, sich in dieser Form für Arbeitslose, Hartz-IV-Empfänger und Beschäftigte einzusetzen.

Vielleicht steht sich dieses Arbeitsfeld der Kirche im Bistum Aachen selbst im Weg mit seiner sperrigen Sprache. „Kirche und Arbeiterschaft“ heißt der pastorale Schwerpunkt, den Bischof Klaus Hemmerle 1980 ausgerufen hat. Schon damals mutete der Begriff aus der Zeit gefallen an. Aber ungeachtet dessen ging und geht es den Aktiven darum, wie die unbedingte Nächstenliebe, die Jesus kompromisslos vorgelebt hat, in der Welt von heute praktiziert werden kann. Es galt und gilt ihnen, das Evangelium an die Ränder zu tragen – oder auch genau dort neu zu entdecken. Die Rede von der Arbeiterschaft führe fehl, schreibt Bernhard Emunds den Akteuren ins Stammbuch. In den letzten Jahrzehnten sei die produzierende Industrie auf ein Viertel der Volkswirtschaft geschrumpft und der Dienstleistungssektor auf drei Viertel angewachsen, resümiert der Sozialethiker aus St. Georgen. Zwar gebe es noch klassische Industriearbeiter, aber ein ganz anderer Bereich sei inzwischen viel bedeutsamer. Wir müssten alle aufpassen, dass die Dienstleistungsgesellschaft nicht zur Dienstbotengesellschaft verkomme, warnt der Professor.

Emunds nimmt die schlecht bezahlten, miserabel gestalteten, sozial wenig abgesicherten Jobs in den Blick, die in vielen Branchen Einzug halten. Ob es die Paketboten sind, Friseure, Handwerker oder die Pflegekräfte – überall herrschten desaströse Bedingungen, unter denen die Beschäftigten und ihre Angehörigen leiden. Hier sieht Emunds die Kirche im Bistum neu gefordert. Erste Initiativen gebe es, aber deutlich zu wenige. Später wird Manfred Körber, Leiter des Nell-Breuning-Hauses, exemplarisch die Einrichtung eines „Forums Sorgearbeit“ anregen. Dieses soll all die in der Diözese vernetzen und qualifizieren, die sich seelsorglich, sozial und politisch für die Beschäftigten in der Pflege von alten und kranken Menschen einsetzen. Bei allen Gedanken über die Zukunft wollen die Akteure nicht denselben Fehler machen wie die Politik. Niemand soll abgeschrieben werden. Weiter wollen sie Arbeitslose, deren Arbeitsplätze im Strukturwandel verloren gingen, begleiten und unterstützen. Weiter wollen sie Eigeninitiative und Würde von Hartz IV-Empfängern in den Stadtteilen und Dörfern fördern.

Es gibt inzwischen Orte, an denen die Sonntagsrede über die gesellschaftliche und kulturelle Teilhabe von Benachteiligten greifbare Realität geworden ist. Und doch braucht es auch neue Orte, neue Zugänge, neue Ansätze, weil sich das Rad der Geschichte weiterdreht. Und hier schließt sich der Kreis. Denn wir alle sind betroffen von dem Wandel, der uns in Zeiten von Digitalisierung, Beschleunigung, Verdichtung erfasst. Der Hochleistungsdruck, der in den beruflichen und privaten Alltag vieler einzieht, hat Folgen. Schon junge Leute werden darüber krank, ein Viertel, sagen aktuelle Studien. In den Kirchengemeinden spürt man, dass in vielen Familien beide Elternteile arbeiten müssen, um über die Runden zu kommen. Gemeinschaft zu gestalten, wird da immer schwieriger.

So gesehen, ist das Engagement der Kirche im Bistum Aachen für die Menschen in Arbeitswelt und Arbeitslosigkeit nicht am Ende. Im Gegenteil scheint es neu herausgefordert. Es braucht neue Schulterschlüsse mit Seelsorgern und Sozialarbeitern, mit Verbänden, freien Vereinen und Initiativen. Mit diesem Vorsatz und diesem Mut verlassen 80 Frauen und Männer Herzogenrath. Die Bischöfliche Kommission „Kirche und Arbeiterschaft“ nimmt Arbeitsaufträge mit, um nach vorne weiterzudenken. Fortsetzung folgt.

Sonja Sailer-Pfister (c) Thomas Hohenschue
Bernhard Emunds (c) Thomas Hohenschue